Start Architektur International Membrandächer über dem steinzeitlichen Tempel von Hagar Qim und Mnajdra

Membrandächer über dem steinzeitlichen Tempel von Hagar Qim und Mnajdra

http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2011/1110/form-tl-membrandach-3.jpg

Um die 5.000 Jahre alten Tempelruinen der Hagar Qim und Mnajdra auf der Insel Malta vor weiterer Erosion zu bewahren, entwickelten die Ingenieure von formTL zwei Membrankonstruktionen.

Viele tausend Jahre waren die steinernen Kultbauten verschüttet und vor Zerfall geschützt, bevor 1839 mit ihrer Freilegung begonnen wurde. Hagar Qim und Mnajdra an der Südküste Maltas liegen nur 500 Meter voneinander entfernt. Die zwischen 3.600 und 2.500 v. Chr. aus tonnenschweren Kalksteinquadern errichteten Anlagen der Megalithkultur sind seit 1992 UNESCO-Weltkulturerbe.

http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2011/1110/form-tl-membrandach-1.jpg
http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2011/1110/form-tl-membrandach-2.jpg

Weil die Tempelanlagen frei liegen, sind sie der rauen Witterung ungeschützt ausgesetzt. Dem weichen Kalkstein drohte durch salzigen Schlagregen und große Temperaturschwankungen der Verfall. Im Jahr 2000 empfahl ein Gremium aus Wissenschaftlern für die Kultstätten eine »Conservation and Interpretation Protection« nach UNESCO-Vorgabe. Damit ist zum einen ein Witterungsschutz gemeint, zum anderen soll ein achtsameres Besucherverhalten gefördert werden, um die fragilen Tempelanlagen vor weiterem Verfall zu bewahren. 

Die Gestaltung der Überdachungen war Teil eines internationalen UNESCO-Wettbewerbs, den der Schweizer Architekt Walter Hunziker 2003 gewann. Unterstützt durch das Planungsbüro KTA wurden aus den ursprünglich geplanten hoch aufragenden und mit einem Bogen gestützten Membrandächern flache Dächer mit zwei geneigten Bögen. Darauf aufbauend übernahm die formTL GmbH aus Radolfzell die Entwurfsanpassung und Tragwerksplanung einschließlich der Zuschnittsplanung im Auftrag des norditalienischen Generalunternehmers und Konfektionärs Canobbio SPA.

 

http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2011/1110/form-tl-membrandach-4.jpg
http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2011/1110/form-tl-membrandach-5.jpg


Drei wichtige Faktoren waren bei der Planung der Membrandächer zu berücksichtigen: Sie sollten ohne sichtbare Folgen an der Ausgrabungsstätte rückbaubar sein; sie mussten auf die astronomische Ausrichtung der Tempelbauten achten, denn die Sonneneinstrahlung durfte an besonderen Tagen wie der Sommer- und Wintersonnenwende nicht behindert werden. Und sie sollten einen wirksamen Wetterschutz bieten.

Die Geometrie der beiden Überdachungen war wegen der individuellen Topographie nur bedingt vorgegeben, konnte aber entwurflich ähnlich gelöst werden: formTL entwickelte zwei Tragwerke, die aus zwei mittig angeordneten Stahl-Fachwerkbögen bestehen, die leicht nach außen gekippt sind. Zwischen den beiden Bögen sowie zu den Seiten sind Seilnetze mit Membranfeldern gespannt. Diese zweiachsig ausgebildeten Seilnetze ermöglichen, die Bögen ohne zusätzliche Stabilisierungsseile auszubilden.

Die Dachformen passten die Ingenieure von formTL im Laufe des Planungsprozesses immer genauer an die Situation vor Ort an. Schrittweise glichen sie die Tragwerke mit den sukzessive dreidimensional erstellten Aufmaßen der Tempel und des Geländes ab, bis die Überdachungen alle Parameter optimal erfüllten. Auch die Auflagerpunkte wurden mehrfach verändert, da deren geplante Standorte vor Freigabe vorab archäologisch geprüft werden mussten.

 

Dem Besucher der Tempelanlagen bietet sich eine kathedralenähnliche Wirkung. Tritt er unter eines der riesigen Membrandächer, so dämpft er automatisch seine Stimme und verhält sich respektvoller als zuvor. Wo es bisher Usus war, sich auf die Tempelruinen zu setzen oder daran zu kratzen, wird der Besucher nun zum staunenden Betrachter.

http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2011/1110/form-tl-membrandach-6.jpg


Besonders effektiv ist die Wirkung der Dächer, weil sie in direkter Tempelnähe einen Schutz vor der Witterung bieten. Die sehr saugfähigen und weichen Kalksteine bleiben nun dauerhaft trocken, da der salzige Schlagregen kaum mehr Feuchte zu den Steinen bringt.

Die Membran aus PTFE-beschichtetem Glasfasergewebe filtert zudem das Sonnenlicht und reduziert dessen ursprüngliche Intensität auf etwa 10 bis 15 Prozent. Die steinzeitlichen Mauern aus Kalkstein sind so vor aggressiver UV-Einstrahlung geschützt, können aber bei natürlichen Lichtverhältnissen betrachtet werden.
Wesentlich ist auch, dass die textile Bespannung die Amplituden der Steintemperatur von 20°-70°-20° im Tagesverlauf deutlich verringern konnte. Die Steine liegen jetzt permanent im Schatten und werden so nicht wärmer als die umgebende Luft.

Eine weitere große Herausforderung war der Schutz der Grabungsstelle während der Bauzeit und die damit verbundenen Einschränkungen: Die Tempelanlagen durften weder betreten noch berührt werden, der Einsatz schwerer Maschinen und eines Baugerüstes war somit nicht möglich. Das gesamte Seil- und Membrantragwerk musste daher Stück für Stück in »Klettertechnik« eingebaut und die Dachfelder nacheinander geschlossen werden.

http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2011/1110/membrandach-2.jpg
http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2011/1110/membrandach-3.jpg


Mittlerweile sind die beiden Tempelanlagen überdacht und vor Regen und Sonne geschützt. Für die Touristen bieten die luftigen und mit feinen Details gebauten Membrandächer einen zusätzlichen Anreiz, die beiden Welt- Kulturdenkmäler Hagar Qim und Mnajdra zu besuchen.

Tragwerksplanung LPh 4-5, Membranfachplanung, Werkstattplanung: formTL, www.form-TL.de

Bauherr: Heritage Malta, Malta
Architekten: Walter Hunziker Architekten AG, CH-3012 Bern
Generalunternehmer und Konfektionär: Canobbio Spa

Stahlbau: Mecoop
Seile: Teci
Montage: Montageservice SL

Größe der Tempelanlagen:
1.744 m² Hagar Qim
2.890 m² Mnajdra

Überdachte Fläche:
1.495 m² Hagar Qim
2.460 m² Mnajdra

Spannweite zentraler Bogen:
54 m Hagar Qim
68 m Mnajdra

Membrane:
Hagar Qim: PTFE-beschichtetes Glasfasergewebe Sheerfill II-HT
Mnajdra: PTFE-beschichtetes Glasfasergewebe Sheerfill I-HT

Stahl: S 355 J2G3
Seile: Offene Spiralseile, fuk= 1670 N/mm², verzinkt, Durchmesser 26 mm bis 56 mm
Membrananschlüsse: Edelstahl 1.4462 und Alu 6005A

Fotos: Marco Ansaloni

http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2011/1110/hagar-qim-1.jpg
http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2011/1110/mnajdra -4.jpg

Fürst & Friedrich – Neubau von slapa oberholz pszczulny architekten

Fürst & Friedrich – Neubau von slapa oberholz pszczulny architekten

Mit dem geplanten Büro- und Geschäftshaus Fürst & Friedrich von slapa oberholz pszczulny | sop architekten entsteht ein markanter Neubau in der Düsseldorfer Innenstadt, der das Viertel rund um den beliebten Kirchplatz aufwerten wird.

3M Headquarter in Langenthal von Marazzi + Paul Architekten

3M Headquarter in Langenthal von Marazzi + Paul Architekten

Als Headquarter für den internationalen Technologiekonzern 3M EMEA hat das Architekturbüro Marazzi + Paul ein visionäres Bürogebäude in Langenthal realisiert. Der Neubau direkt beim Bahnhof steht für die Innovationskraft und Offenheit des globalen Leaders 3M ebenso wie für die Dynamik und Wandelbark...

Grand Tower von Kaminiarz & Cie. ist bestes Wohnhochhaus in Europa

Grand Tower von Kaminiarz & Cie. ist bestes Wohnhochhaus in Europa

Nachdem das Frankfurter Büro Magnus Kaminiarz & Cie. Architektur für den Grand Tower bereits den European Property Award 2017 als bestes Wohnhochhaus Deutschlands erhielt, bekam das Gebäude vor wenigen Tagen in London nun auch den International Property Award 2017 als bestes Wohnhochhaus in ganz...

Weitere Artikel:

Schlichtes und reduziertes Design

Schlichtes und reduziertes Design

»SP – Square Perfection« heißt das WC, das der japanische Sanitärkeramik-Hersteller TOTO ab Januar 2018 auf den Markt bringt. Neu ist die Form: Elegant, kompakt und geometrisch gestaltet greift greift das WC auf die bekannten TOTO Hygiene-Technologien zurück.

»Schule der Zukunft« im alten Hafen von Haderslev

»Schule der Zukunft« im alten Hafen von Haderslev

In der dänischen Küstenstadt Haderslev ist mitten im alten Hafenareal ein zukunftsweisendes Bildungszentrum entstanden. Dieses hebt sich nicht nur durch seine außergewöhnliche Architektur ohne das traditionelle Klassenzimmer von gängigen Bildungseinrichtungen ab, sondern auch durch seine innovativen...

Duschen mit Spa-Effekt

Duschen mit Spa-Effekt

Moderne Badkultur ist von Design, Luxus und Technik geprägt. Das Duschritual als besonderen Verwöhnmoment des Tages zu schätzen und neben der Reinheit auch Gesundheit und Wohlbefinden zu fördern, ist Teil dieser Kultur. Das japanische Unternehmen TOTO hat Duschsysteme entwickelt, die ein Wohlgefühl ...

Weitere Artikel:
Anzeige AZ-C1-300x250 R7

AZ Newsletter

Ihre E-Mail
 Anmelden  Abmelden

Der Newsletter der AZ/Architekturzeitung ist kostenlos und kann jederzeit unkompliziert abbestellt werden.

Fachwissen | Architekten + Planer

  • Der Gebäude-Energieberater
    Der Gebäude-Energieberater Ein junger Berufsstand und seine bewegte Geschichte: Gebäude-Energieberater lotsen Hauseigentümer durch den Regelungs- und Förderungsdschungel und sind wichtige Empfehler bei…

AZ Architekten Ingenieure Planer

  • Fotograf Christopher Klettermayer
    Fotograf Christopher Klettermayer Mit dem Verkauf seiner Serie “Neighbours” durch die Saatchi Kunstvermittlung, hat sich der Fotograf Christopher Klettermayer in Europa zurück gemeldet.…

Schlichtes und reduziertes Design

Schlichtes und reduziertes Design

»SP – Square Perfection« heißt das WC, das der japanische Sanitärkeramik-Hersteller TOTO ab Januar 2018 auf den Markt bringt. Neu ist die Form: Elegant, kompakt und geome...

Timmerhuis in Rotterdam von OMA

Timmerhuis in Rotterdam von OMA

Das von den Rotterdamer Städtebauexperten OMA (Office for Metropolitan Architecture) erdachte Timmerhuis in Rotterdam gilt als das »grünste Gebäude der Niederlande«. Es v...

»Schule der Zukunft« im alten Hafen von Haderslev

»Schule der Zukunft« im alten Hafen von Haderslev

In der dänischen Küstenstadt Haderslev ist mitten im alten Hafenareal ein zukunftsweisendes Bildungszentrum entstanden. Dieses hebt sich nicht nur durch seine außergewöhn...

Duschen mit Spa-Effekt

Duschen mit Spa-Effekt

Moderne Badkultur ist von Design, Luxus und Technik geprägt. Das Duschritual als besonderen Verwöhnmoment des Tages zu schätzen und neben der Reinheit auch Gesundheit und...

Fassadenkunst: Abstrakt bis naturalistisch

Fassadenkunst: Abstrakt bis naturalistisch

In nur sieben Wochen wich grauer Beton einer abstrakt-naturalistischen Malerei mit blauem Himmel, weißen Wolken, täuschend echten Bäumen und einem illusionistischen Strei...

Wintergarten gut beheizt

Wintergarten gut beheizt

Im Wintergarten hat Wärme nicht nur einfach die Funktion »Heizen« zu erfüllen. Wärme weckt Emotionen und bringt Atmosphäre in den gläsernen Raum. Eine elektrische Strahlu...

Zargenlose und lichtdurchlässige Schiebetür

Zargenlose und lichtdurchlässige Schiebetür

Die in der eigenen Betriebsstätte hergestellte, zargenlose Schiebetür bestehen aus dem lichtdurchlässigen, biegesteifen Wabenpaneel »ViewPan« mit Oberflächen aus Acrylgla...

Corbusier-Farben im Hamburger Hotel Wedina

Corbusier-Farben im Hamburger Hotel Wedina

Das Hamburger Hotel Wedina hat ein umfassendes Facelift erhalten, bei dem Farbe eine zentrale Rolle spielt. Die Fassade macht in leuchtendem Rot auf sich aufmerksam und j...

Kita in Weißenfeld von Grund Architekten

Kita in Weißenfeld von Grund Architekten

Über hundert Jahre wurde in der Schnapsbrennerei in Weißenfeld hochprozentiger Alkohol aus Kartoffeln für medizinische Zwecke hergestellt. Um das Gebäude zu erhalten und ...

Aussichtsplattform Wolkenhain: Landmarke der IGA

Aussichtsplattform Wolkenhain: Landmarke der IGA

Bis Oktober ist Berlins östlichster Stadtbezirk Standort für die Internationale Gartenausstellung (IGA), zu der rund zwei Millionen Gäste aus Europa erwartet werden. Die ...

Weitere Artikel:


Anzeigen AZ-D1-300x600 R7

Wenn Sie die AZ/Architekturzeitung lesen, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Datenschutzhinweis.

Dieses Fenster entfernen.