Start Architektur Schweiz Schweizer Gegensätze - atelier-f baut in Fläsch

Schweizer Gegensätze - atelier-f baut in Fläsch

http://www.architekturzeitung.eu/azbilder/azbilder0904/flaesch-09-04-hs08.jpg


http://www.architekturzeitung.eu/azbilder/azbilder0904/flaesch-09-04-hs01.jpg
http://www.architekturzeitung.eu/azbilder/azbilder0904/flaesch-09-04-hs02.jpg
http://www.architekturzeitung.eu/azbilder/azbilder0904/flaesch-09-04-hs11.jpg
http://www.architekturzeitung.eu/azbilder/azbilder0904/flaesch-09-04-hs07.jpg
Vor Jahren schied der Schweizer Architekt Kurt Hauenstein aus einer Zürcher Büropartnerschaft aus, um im Schweizer Kanton Graubünden mit dem atelier-f ein neues Büro zu eröffnen. Seine mit den Jahren gewonnene Ortskenntnis und seine zahlreichen Bauten und Sanierungen im kleinen Ort Fläsch und der Umgebung führten für sein eigenes Wohnhaus zu einem selbstbewussten Entwurf, der in bäuerlicher Lebenskultur gründet und mit viel Rücksicht dörfliches Leben interpretiert.

Im größten Schweizer Kanton Graubünden ist der Rhein nur ein knietiefes Rinnsaal. Erst der Zufluss von Schmelzwasser im Frühjahr vermittelt eine Ahnung zu welcher Größe der Fluss auf seinem Weg in die Nordsee anschwillt. Bündner Herrschaft wird dieser nördlichste Teil des Kantons Graubünden genannt. Der Name geht zurück auf eine Zeit, als der Kreis als Freistaatskonstrukt von drei Schweizer Bünden politisch verwaltet wurde.

Fläsch mit seinen knapp 600 Einwohner liegt im nördlichsten Teil der Bündner Herrschaft am Fuß des Fläscherberges. Seit dem 9. Jahrhundert wird hier Wein angebaut. 16 Weinbaubetriebe bewirtschaften heute 48 ha Rebland. Der kleine Ort ist im Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz (ISOS) aufgeführt. Die Gemeinde will die Weinlagen und bäuerlichen Betriebe in Fläsch erhalten und vor einer Überbauung schützen. Nach einem Entwurf der Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur wurde ein Neugestaltungskonzept sowie ein neues Baugesetz vorgeschlagen, um im Dorfkern gelegenes Bauland (Kerngebiet) zugunsten der weiteren landwirtschaftliche Nutzung umzuwandeln. Angesichts der hohen Grundstückspreise wurde diese Maßnahme und die beabsichtigten Entschädigungen nicht ohne begleitende Neiddebatte geführt und konnte nach einer ersten Ablehnung in der Gemeindeversammlung im Jahr 2007 erst Anfang November 2008 beschlossen werden.

In diesem Umfeld erwarben der Architekt Kurt Hauenstein und seine Frau Marilies Düsterhaus, die vor zehn Jahren aus Zürich nach Fläsch zogen, ein Grundstück in Randlage; mit einem Gebäudebestand erbaut in einer Zeit in der die Bündner Herrschaft noch bestand. Das vermutlich Anfang des 18. Jahrhunderts erstellte Bauernhaus wurde von Hauenstein von Grund auf saniert, der ursprüngliche Grundriss mit dem engen und steilen Treppenhaus und den beiden flankierenden Räumen wieder hergestellt.

Die Ausweisung des Grundstücks als bauliches »Kerngebiet« hätte auch einen Komplettabriss mit einem mehrgeschossigen Neubau ermöglicht. Hauenstein entschied sich mit seiner genauen Kenntnis des Ortes für den Bestand und ersetzte nur die angebaute ehemalige Scheune durch einen Neubau.

Für G. W. F. Hegel ist Harmonie ein Moment, indem sich das qualitativ Verschiedene nicht nur als Gegensatz und Widerspruch darstellt, sondern »eine zusammenstimmende Einheit« bildet. Hauenstein spiegelte den vorgefundenen Grundriss des Altbaus im Hegelschen Sinn und verband diesen gestalterischen Dialog mit einem gläsernen Zwischenbau zu einer architektonischen Gesamtaussage, in der Neu und Alt selbstbewusst nebeneinander bestehen.

Den massiven Wänden des Altbaus hat der Architekt die 50 cm dicken Wände des Neubaus mit einem Gesamtaufbau aus einer innen liegenden 11 cm dicken Fichtenschalung einschließlich Unterkonstruktion mit 14 cm Dämmung und 25 cm Sichtbeton gegenüber gestellt. Der eingefärbte Ortbeton der Außenwand wurde abschließend anthrazit lasiert und zitiert nicht nur die dunkel verwitterten Fassaden alter Scheunen sondern auch die hinter dem Grundstück aufgehende schwarze Steilwand des Fläscherberges. Die Lochfassade des Neubaus hat ihre Entsprechung in den kleinteiligen Fenstern des alten Wohngebäudes. Die Fenster wurden so in die Kubatur gefügt, dass aus den nahe stehende Nachbargebäuden kein Einblick möglich ist und jedes der Fenster einen genau komponierten Ausblick in die beeindruckende Kulisse der Schweizer Alpen ermöglicht.


http://www.architekturzeitung.eu/azbilder/azbilder0904/flaesch-09-04-hs10.jpg
http://www.architekturzeitung.eu/azbilder/azbilder0904/flaesch-09-04-hs12.jpg
http://www.architekturzeitung.eu/azbilder/azbilder0904/flaesch-09-04-hs06.jpg
http://www.architekturzeitung.eu/azbilder/azbilder0904/flaesch-09-04-hs09.jpg
http://www.architekturzeitung.eu/azbilder/azbilder0904/flaesch-09-04-hs04.jpg

Auf einem als Garage genutzten Sockelgeschoss stehend, sind die beiden Wohngeschosse nur andeutungsweise unterteilt und bilden über die gemeinsame Galerie einen großen Wohnraum der im Obergeschoss von einem zentralen Kamin dominiert wird.

http://www.architekturzeitung.eu/azbilder/azbilder0904/flaesch-09-04-hs05.jpg
http://www.architekturzeitung.eu/azbilder/azbilder0904/flaesch-09-04-hs03.jpg
Nebenräume wie Bäder, Toiletten und Aufzugschacht sind im Zwischenbau untergebracht. Auch hier sind die Räume durch überraschende Ausblicke geprägt, so ist durch das gläserne Dach des oberen Bads eine Sichtmöglichkeit auf den nachstehenden Berg gegeben. Auch wenn die vorhandene, abenteuerlich steile Treppe des Altbaus nicht modernem Komfortempfinden entspricht, wurde auf ein weiteres Treppenhaus verzichtet. Zwar läuft der Bauherr diese Treppenanlage mittlerweile leichtfüßig herunter, der Besucher fühlt sich jedoch an einen bergsteigerischen Abstieg erinnert.

Der im Gebäude durchgehend geführte Bodenbelag aus massiver Eiche wurde mit Kalkzusatz geölt. Auch bei der mit Kalk lasierten Fichtenschalung im Neubau ist der aufhellende Charakter des Kalks ein Zitat auf die weiß geputzten Wandflächen des Altbaus.

Bewusst lebt das Paar mit den Widersprüchen zwischen Alt und Neu. Der Bestand hätte nicht hinreichend gedämmt werden können, ohne dem Bau seinen Charakter zu nehmen. Auf eine thermische und lüftungstechnische Abschottung des Neubaus zum Altbau mit allen seinen offenen Fugen wurde verzichtet. Den »perfekten« Oberflächen im Neubau stehen die von Gebrauchsspuren gezeichneten Türen und Wandvertäfelungen im Altbau gegenüber. Vorgefundene Farbreste in der Küche wurden erhalten und konterkarieren den Perfektionismus einer mit modernsten Geräten ausgestatteten Küche mit ihrem hochpolierten Edelstahl.

Umschlossen wird das Grundstück von einer dunklen Mauer aus Stampfbeton, die den typischen Bruchsteinmauern der Gegend formal entspricht. Auch die im Ortsbild häufig vorkommenden ehemaligen Viehtränken hat der Architekt mit einem monolithisch betonierten Brunnen auf seinem Grundstück zitiert.

»Casascura«, dunkles Haus, hat das Ehepaar sein Gebäudeensemble genannt. Der in den massiven Stahl des Hoftores geschnittene Name mag zwar vordergründig den Neubau umschreiben, tatsächlich findet er seinen Ursprung im Nachnamen der Hausherrin.

Architekten: atelier-f, Fläsch (CH), www.atelier-f.ch

Bauherr: Kurt Hauenstein und Marilies Düsterhaus, Fläsch (CH)

Fotos: Jörg Zimmermann, Zürich (CH) und atelier-f, Fläsch (CH)
 


http://www.architekturzeitung.eu/azbilder/azbilder0904/flaesch-09-04-hs13.jpg
http://www.architekturzeitung.eu/azbilder/azbilder0904/flaesch-09-04-hs14.jpg
http://www.architekturzeitung.eu/azbilder/azbilder0904/flaesch-09-04-hs15.jpg

http://www.architekturzeitung.eu/azbilder/azbilder0904/flaesch-09-04-hs16.jpg
Detailschnitt als PDF-Detail herunterladen

Design-Museum von Kengo Kuma eröffnet im September 2018

Design-Museum von Kengo Kuma eröffnet im September 2018

In weniger als acht Monaten – genauer gesagt am Samstag, den 15. September 2018 – ist es soweit: Die ersten Besucher werden die Türen des brandneuen V&A Dundee durchschreiten. Es wird nicht nur das erste Design-Museum in Schottland sein, sondern auch das einzige V&A-Museum außerhalb Londons....

Fürst & Friedrich – Neubau von slapa oberholz pszczulny architekten

Fürst & Friedrich – Neubau von slapa oberholz pszczulny architekten

Mit dem geplanten Büro- und Geschäftshaus Fürst & Friedrich von slapa oberholz pszczulny | sop architekten entsteht ein markanter Neubau in der Düsseldorfer Innenstadt, der das Viertel rund um den beliebten Kirchplatz aufwerten wird.

3M Headquarter in Langenthal von Marazzi + Paul Architekten

3M Headquarter in Langenthal von Marazzi + Paul Architekten

Als Headquarter für den internationalen Technologiekonzern 3M EMEA hat das Architekturbüro Marazzi + Paul ein visionäres Bürogebäude in Langenthal realisiert. Der Neubau direkt beim Bahnhof steht für die Innovationskraft und Offenheit des globalen Leaders 3M ebenso wie für die Dynamik und Wandelbark...

Weitere Artikel:

The Opus von Zaha Hadid

The Opus von Zaha Hadid

»The building that never sleeps« nennt der Projektentwickler Omniyat den Tower „The Opus“. Das grandiose Formenspiel der pulsierenden Gebäudehülle kratzt an die Grenzen des technologisch Machbaren. Wie das aktuelle Ergebnis zeigt, hat das Engineering geliefert.

Monolithische Bauweise bei der Rekonstruktion des Jüdenhofs am Dresdner Neumarkt

Monolithische Bauweise bei der Rekonstruktion des Jüdenhofs am Dresdner Neumarkt

»Künstliche Wärmedämmung an der Fassade als Wärmeschutz kommt bei mir am Neumarkt nicht vor!« Stattdessen entschied sich Investor und Bauherr Michael Kimmerle bei der Rekonstruktion des Jüdenhofs am Dresdner Neumarkt für eine nachhaltige und dem historischen Ort angemessene monolithische Ziegelbauwe...

Japanische Spa-Kultur mit dem Dusch-WC

Japanische Spa-Kultur mit dem Dusch-WC

Der Wunsch nach Reinheit und Frische hat insbesondere in der japanischen Kultur einen hohen Stellenwert. In traditionellen Reinigungsritualen, wie zum Beispiel dem zweimal jährlich stattfindenden Misogi, werden Körper und Geist durch das Waschen mit Wasser symbolisch von negativer Energie befreit. F...

Weitere Artikel:
Anzeige AZ-C1-300x250 R7

AZ Newsletter

Ihre E-Mail
 Anmelden  Abmelden

Der Newsletter der AZ/Architekturzeitung ist kostenlos und kann jederzeit unkompliziert abbestellt werden.

Fachwissen | Architekten + Planer

  • Problemzone Wärmebrücke
    Problemzone Wärmebrücke Mit den steigenden Anforderungen an die energetische Qualität von Gebäuden gewinnen Details und damit auch kleine Problemzonen immer mehr an…

AZ Architekten Ingenieure Planer

  • a-tour Architekturführungen in Hamburg
    a-tour Architekturführungen in Hamburg a-tour Architekturführungen in Hamburg wurde 2002 von den Architekten Friederike Stegmüller und Torsten Stern gegründet. Das Unternehmen bietet Architekten und…

The Opus von Zaha Hadid

The Opus von Zaha Hadid

»The building that never sleeps« nennt der Projektentwickler Omniyat den Tower „The Opus“. Das grandiose Formenspiel der pulsierenden Gebäudehülle kratzt an die Grenzen d...

Monolithische Bauweise bei der Rekonstruktion des Jüdenhofs am Dresdner Neumarkt

Monolithische Bauweise bei der Rekonstruktion des Jüdenhofs am Dresdner Neumarkt

»Künstliche Wärmedämmung an der Fassade als Wärmeschutz kommt bei mir am Neumarkt nicht vor!« Stattdessen entschied sich Investor und Bauherr Michael Kimmerle bei der Rek...

Japanische Spa-Kultur mit dem Dusch-WC

Japanische Spa-Kultur mit dem Dusch-WC

Der Wunsch nach Reinheit und Frische hat insbesondere in der japanischen Kultur einen hohen Stellenwert. In traditionellen Reinigungsritualen, wie zum Beispiel dem zweima...

Barrierefreies Oberlicht

Barrierefreies Oberlicht

Einen unterirdischen Raum mit Tageslicht ausfüllen? Mit dem begehbaren Oberlicht von taghell werden Ausblicke nach oben und Einblicke nach unten geschaffen. Für den Einsa...

Normenkonform im Freispiegel-Einsatz

Normenkonform im Freispiegel-Einsatz

Moderne Staffelgeschoss-Architektur ist momentan sehr gefragt. Bei der Ableitung des Regenwassers sind allerdings einige Regeln zu beachten, denn die direkte Ableitung au...

Schlichtes und reduziertes Design

Schlichtes und reduziertes Design

»SP – Square Perfection« heißt das WC, das der japanische Sanitärkeramik-Hersteller TOTO ab Januar 2018 auf den Markt bringt. Neu ist die Form: Elegant, kompakt und geome...

Timmerhuis in Rotterdam von OMA

Timmerhuis in Rotterdam von OMA

Das von den Rotterdamer Städtebauexperten OMA (Office for Metropolitan Architecture) erdachte Timmerhuis in Rotterdam gilt als das »grünste Gebäude der Niederlande«. Es v...

»Schule der Zukunft« im alten Hafen von Haderslev

»Schule der Zukunft« im alten Hafen von Haderslev

In der dänischen Küstenstadt Haderslev ist mitten im alten Hafenareal ein zukunftsweisendes Bildungszentrum entstanden. Dieses hebt sich nicht nur durch seine außergewöhn...

Duschen mit Spa-Effekt

Duschen mit Spa-Effekt

Moderne Badkultur ist von Design, Luxus und Technik geprägt. Das Duschritual als besonderen Verwöhnmoment des Tages zu schätzen und neben der Reinheit auch Gesundheit und...

Fassadenkunst: Abstrakt bis naturalistisch

Fassadenkunst: Abstrakt bis naturalistisch

In nur sieben Wochen wich grauer Beton einer abstrakt-naturalistischen Malerei mit blauem Himmel, weißen Wolken, täuschend echten Bäumen und einem illusionistischen Strei...

Weitere Artikel:


Anzeigen AZ-D1-300x600 R7

Wenn Sie die AZ/Architekturzeitung lesen, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Datenschutzhinweis.

Dieses Fenster entfernen.