Start Magazin Architektur + Kunst Interview mit Holger Endres: »Der Raum als Malereiträger verändert sich ständig«

Interview mit Holger Endres: »Der Raum als Malereiträger verändert sich ständig«

http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2015/1509/holger-endres-2.jpg

Schwarz neben weiß, schwarz neben weiß, auf Magenta. Schwarz neben weiß, schwarz neben weiß, auf Magenta. In einem oft tagelangen Arbeitsprozess zieht Holger Endres Linie um Linie freihändig auf Raumwände, die sich so Strich für Strich, Linie für Linie in pulsierende Farbflächen verwandeln. Oder vielmehr: aus Farbflächen werden pulsierende Räume.

Die Malerei des Mannheimer Künstlers ist raumgreifend, im Wortsinne. Extrem reduziert und repetitiv arbeitet er nach strengen Regeln. Die Wandflächen lösen sich auf, man nimmt nur noch Farben, Farbeffekte wahr. Mittlerweile hat Endres bereits drei Räume in »Magenta Schwarz Weiß« verwandelt. Sein Arbeitsprozess ist fast schon meditativ, er tritt während des Schaffens in einen Dialog mit dem Raum ein, dessen Wirkung sich verändert.

»Zwischen schwarzer Linie und weißer Linie entsteht ein Zwischenraum. Die Linien berühren sich nicht und stehen in einer Spannung zueinander. Seinen Körper richtet er ganz auf das Malen der Linien aus. Ein Rhythmus entsteht, der Endres vorantreibt.« (Die Strümpfe, Mannheim)

Holger Endres lebt und arbeitet in Mannheim. Er hat zunächst Butoh-Tanz und der Performance Art bei Minako Seki, Yumiko Yoshioka und Ishi Mitsutaka (1998 – 2004) studiert, ehe er, teils parallel, ein Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe bei Max Kaminski, Erwin Gross und Elke Krystufek (2000 – 2005) aufgenommen hat. Im September wird eine Ausstellung in der Innsbrucker Galerie Bernd Kugler seine neuesten Arbeiten präsentieren.

Im Interview mit Simone Kraft von deconarch.com spricht Holger Endres über die Hintergründe von »Magenta Schwarz Weiß«, seinen Arbeitsprozess und die Malerei als Lebensentwurf – ohne Plan B.

http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2015/1509/holger-endres-3.jpg

Interview

Simone Kraft: Deine Reihe »Magenta Schwarz Weiss« verwandelt Räume in pulsierende Farbflächen – oder vielmehr: aus Farbflächen werden pulsierende Räume. Erzählst du uns etwas zu den Hintergründen dieser Serie?

Holger Endres: Die erste »Magenta Schwarz Weiss«-Arbeit entstand 2012 in der Galerie Bernd Kugler in Innsbruck, einem rechteckigen Raum, der aus fünf unterschiedlich großen Wandflächen mit jeweils fünf »Durchgängen« besteht. Ein sehr unruhiger, aber dennoch klar als Galerie-/Ausstellungsraum definierter Raum. Die Möglichkeit, und auch das Ungewisse, den Raum durch meine Malerei verändern zu können und seine festgelegte Definition aufzuheben, interessierte mich.

Simone Kraft: Du hast ein strenges Konzept entwickelt, um den Raum auszumalen.

Holger Endres: Ausgehend von früheren Wandarbeiten entwickelte ich ein Konzept in mehren Stufen:
– Die Malerei muss auf der Wand ausgeführt werden.
– Magenta als dominierende Farbe, da sie keine Assoziationsmöglichkeiten beinhaltet.
– Abwechselnd schwarze und weiße senkrechte Linien parallel zu einander laufend.
– Die Linien werden mit einer bestimmten Pinselbreite frei Hand von mir gemalt
– Die Linien dürfen sich nicht berühren und laufen in das Magenta aus, so dass eine bestimmte Fläche von Magenta den ganzen Raum durchzieht.
– Die Malerei wird in einem bestimmten Zeitrahmen durchgeführt und der Architektur des Raumes aufgedrängt. Und:
– Sie bleibt eigenständig für sich.

http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2015/1509/holger-endres-4.jpg

Simone Kraft: Sie bleibt eigenständig, wie ist das zu verstehen?

Holger Endres: Dieses »Eigenständig bleiben« ist für diese Art von Raummalerei sehr wichtig. Es gab die Möglichkeit, die Raumarchitektur mit Hilfe der Malerei zu verändern, oder auch die Möglichkeit, die Durchführung der Arbeit öffentlich zu machen, sprich als Performance, denn ich malte fünf Tage lang jeweils bis zu 12 Stunden.
Beide Varianten schloss ich aus.

Simone Kraft: Wie ist dein Arbeitsprozess praktisch? Er mutet performativ, fast meditativ an.

Holger Endres: Meine Arbeit ist geplant. Farbe, Pinselstärke, Fläche, Linien … alles wird von mir vorab bestimmt. Die Durchführung unterliegt diesen Vorgaben. Dennoch ist bis zum Schluss alles offen. Malerei ist speziell. Sie hat eine ganz eigene Daseinsberechtigung. Ich unterwerfe den Raum meiner Malerei. Wie sie in ihm wirkt und wie der Raum auf sie reagiert, ist bis zum Ende ungewiss. Dies kann man nicht planen, nur sich vorstellen.
Der Malprozess ist körperlich und geistig anstrengend. Ich male bis zu zehn Stunden. Die immer wiederkehrende Handlung, den Pinsel in die Farbe zu tauchen, auf die Leiter zu steigen und die Linie senkrecht in Beziehung stehend zur vorigen Linie zu malen, unterliegt einem Rhythmus und hat etwas Rituelles, Meditatives – und der Raum als Malereiträger verändert sich ständig. Je nachdem, wie du dich als Betrachter zu der Arbeit positionierst und dich im Raum bewegst, verändert sich deine Wahrnehmung und dein Sehen.
Letztendlich stehst du als Konsument flirrenden Linien gegenüber, die gedanklich ins Unendliche fortgeführt werden könnten. Raum, energetischer Raum entsteht, in dem man die Möglichkeit hat zu sein, seinen Gedanken und seinem Sehen zu vertrauen und zu folgen.

Simone Kraft: Du kommst zunächst aus der Performance-Kunst, hast auch Butoh-Tanz studiert, ehe du zur Malerei kamst. Welche Ziele verfolgst du in deiner Arbeit?

http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2015/1509/holger-endres-5.jpg

Holger Endres: Als ich an der Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe anfing, Malerei zu studieren, malte ich sehr figurativ und expressiv. Viel Form und Farbe, Öl auf Leinwand. Im Laufe der Semester verlor ich mich in dieser ganzen Fülle von kompositorischen Möglichkeiten und Kunstgeschichte. Ich kam an den Punkt, an dem ich mich fragte, was ich da eigentlich tue.
Künstlerisch zu arbeiten beinhaltet, dass man dem folgt, was einen wirklich interessiert. Mein damaliger Professor hat dies von mir gefordert. Im fünften Semester brach ich mit meiner Malerei und reduzierte radikal auf Schwarz und Weiß. Keine Ölfarben mehr, nur schnelltrocknende Farben. Ich setzte mich mit Stoff- und Tapetenmustern auseinander und malte/zeichnete sie ab. Ebenfalls interessierte ich mich für Graffiti. So kam ich einerseits zu meiner Arbeitsweise, andererseits zu dem, was mich an Malerei interessiert.

Simone Kraft: Welche Möglichkeiten eröffnet dir die Malerei? Oder ganz einfach gefragt: Warum Malerei?

Holger Endres: Meine Malerei ist an mich gebunden, alles was ich mache ist einzigartig. Dieser direkte Zugriff und diese Unmittelbarkeit beim Entstehen faszinieren mich. Egal wie lange ich brauche, um zu verstehen, was ich da mache …
Kunst zu machen ist für mich auch ein Lebensentwurf. Es gibt da keinen Plan B. Malerei ist für mich genau richtig. Aber auch Theater/Tanz oder Performance sind wichtig für meine künstlerische Arbeit.

Simone Kraft: Mit Patrycja German arbeitest du schon länger zusammen.

Holger Endres: Mit der Performancekünstlerin Patrycja German habe ich seit 2010 eine Kollaboration. Wir setzten uns Termine, zu denen wir uns treffen. Die entstehenden Arbeiten beschreiben Momente von Konzentration und Präsenz, in denen wir uns annähern, um zu einer gemeinsamen Bildsprache zu finden. Die Ergebnisse gleichen »Zeitkapseln«, in denen das sensible Suchen und intime Austarieren in Fotografie, Video und Performance eingefangen werden.
Mit ihr habe ich die Performanceserie Die Kamera ist an. Holger sitzt. Patrycja steht. am 26.7.2015 im Einraumhaus in in Mannheim fortgeführt.

Simone Kraft: Holger, herzlichen Dank für die Einblicke in deine Arbeit!

Aktuell läuft gerade eine Ausstellung von Holger Endres:  www.berndkugler.at

Alle Abb. (c) Holger Endres, www.holgerendres.de | courtesy Galerie Bernd Kugler

Quelle: deconarch.com

Modernes Design für Touristinformation von DIA – Dittel Architekten

Modernes Design für Touristinformation von DIA – Dittel Architekten

DIA – Dittel Architekten zeichnet für das Gestaltungskonzept sowie Planung und Ausführung der neuen Touristinformation in Schwäbisch Hall verantwortlich. Ziel des Konzeptes ist es, die Identität der Stadt in Raum zu übertragen und mit digitalen und analogen Inhalten erlebbar zu machen. Werte wie Ser...

DGNB-zertifiziertes Autohaus für Neu- und Gebrauchtwagen von ATP architekten ingenieure

DGNB-zertifiziertes Autohaus für Neu- und Gebrauchtwagen von ATP architekten ingenieure

Als Spezialisten für die Automobilbranche und Integrale Planung entwarfen ATP architekten ingenieure die neue Mercedes-Benz-Hauptniederlassung für das Gebiet Rhein-Main. Der Auftraggeber Daimler Real Estate bündelte Verkauf, Verwaltung, Service und Werkstatt von drei Standorten auf einem neuen Gewer...

Oliv Architekten revitalisieren das PEAK Bürogebäude in München

Oliv Architekten revitalisieren das PEAK Bürogebäude in München

Die intelligente Revitalisierung leerstehender Gebäude gehört zu den dringlichsten Aufgaben einer nachhaltigen Stadtentwicklung. Dabei ist der Leerstand, der meist schon über einen längeren Zeitraum geht, ein Indikator für die Schwierigkeit der baulichen und planerischen Aufgabe. So war es auch beim...

Weitere Artikel:

»Warme Kante« Abstandhalter

»Warme Kante« Abstandhalter

Auf der FENSTERBAU FRONTALE 2018 werden die Diskussionen rund um Digitalisierung, Fertigungsautomation, innovative Fensterlösungen und natürlich den Dauerbrenner Energieeffizienz einen breiten Raum einnehmen. Mit dem Fenster 4.0 schlägt auch die Stunde flexibler Abstandhalter, meint der »Warme Kante...

Sommerlicher Wärmeschutz: Gebäude planen und simulieren

Sommerlicher Wärmeschutz: Gebäude planen und simulieren

Alles richtig gemacht und der Bauherr ist trotzdem unzufrieden? Wer bei der Planung von Bürogebäuden allein auf das vereinfachte oder auch das simulationsbasierte Nachweisverfahren der DIN-4108-2 (Wärmeschutz von Gebäuden) setzt, steht zwei Problemen gegenüber.

Fachwerkhaus: Denkmalschutz mit Innendämmung

Fachwerkhaus: Denkmalschutz mit Innendämmung

Moderne Energiekennwerte und gesundes Wohnklima im Einklang mit dem Denkmalschutz – diese Anforderungen wollte Malermeister Claus Schmid bei der Sanierung eines alten Fachwerkhauses miteinander vereinen. Deshalb dämmte er von innen mit einem mineralischen System in Verbindung mit silikatischen und K...

Weitere Artikel:
Anzeige AZ-C1-300x250 R7

AZ Newsletter

Ihre E-Mail
 Anmelden  Abmelden

Der Newsletter der AZ/Architekturzeitung ist kostenlos und kann jederzeit unkompliziert abbestellt werden.

Fachwissen | Architekten + Planer

  • Tragwerke mit Nagelplattenbindern
    Tragwerke mit Nagelplattenbindern Nagelplattenbinder bilden das Gerüst des Dachtragwerks und bieten sich zur Verwirklichung selbst extrem komplexer Architekturen an. Sie sind als Bauteile…

»Warme Kante« Abstandhalter

»Warme Kante« Abstandhalter

Auf der FENSTERBAU FRONTALE 2018 werden die Diskussionen rund um Digitalisierung, Fertigungsautomation, innovative Fensterlösungen und natürlich den Dauerbrenner Energiee...

Sommerlicher Wärmeschutz: Gebäude planen und simulieren

Sommerlicher Wärmeschutz: Gebäude planen und simulieren

Alles richtig gemacht und der Bauherr ist trotzdem unzufrieden? Wer bei der Planung von Bürogebäuden allein auf das vereinfachte oder auch das simulationsbasierte Nachwei...

Fachwerkhaus: Denkmalschutz mit Innendämmung

Fachwerkhaus: Denkmalschutz mit Innendämmung

Moderne Energiekennwerte und gesundes Wohnklima im Einklang mit dem Denkmalschutz – diese Anforderungen wollte Malermeister Claus Schmid bei der Sanierung eines alten Fac...

Mut zur Lücke: Urbane Parklösungen

Mut zur Lücke: Urbane Parklösungen

In unseren Städten wird es immer enger. Parkhaussysteme können städtische Nischen optimal und rentabel nutzen: Vollautomatisch und raumsparend ermöglichen sie Mobilität, ...

Glas-Sensorschalter: Licht per Fingertipp

Glas-Sensorschalter: Licht per Fingertipp

Bei vielen Schaltern stand bisher die funktionelle Komponente im Vordergrund, während das Design eher als sekundäre Komponente behandelt wurde. Das ändert sich seit einig...

Bodenmaiser Hof: Wellnesshotel mit Gebäudeautomation

Bodenmaiser Hof: Wellnesshotel mit Gebäudeautomation

Nach seinem jüngsten Umbau reiht sich der Bodenmaiser Hof im Bayerischen Wald unter die Top-Wellnesshotels in Deutschland ein. Unter dem Motto »Stylisch Bayerisch« werden...

Neubau der Paulaner Hauptverwaltung auf historischem Areal

Neubau der Paulaner Hauptverwaltung auf historischem Areal

Das ehemalige Werksgelände der Paulaner Bierbrauerei in der Münchner Ohlmüllerstraße wurde durch den Umzug der Produktion nach München-Langwied frei. Paulaner entschloss ...

Objekt mit Kern aus recycelten Materialien und Fassade

Objekt mit Kern aus recycelten Materialien und Fassade

Reduce, Reuse, Recycle – dieser Ansatz hat nun auch die Architektur erreicht. In Dänemark hat das Architekturbüro Een til Een unter Verwendung ausschließlich biologischer...

Warme Kante Abstandhalter

Warme Kante Abstandhalter

Auf der Fensterbau Frontale 2018 werden die Diskussionen rund um Digitalisierung, Fertigungsautomation, innovative Fensterlösungen und natürlich den Dauerbrenner Energiee...

Fensterflügel komplett aus Glas

Fensterflügel komplett aus Glas

Die Clara Fenster AG beginnt das neue Jahr mit einer breit angelegten Produkteinführung. Das rahmenlose Fenster »Clara« transportiert den zentralen Produktvorteil aus Sic...

Weitere Artikel:


Anzeigen AZ-D1-300x600 R7

Wenn Sie die AZ/Architekturzeitung lesen, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Datenschutzhinweis.

Dieses Fenster entfernen.