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Start Magazin Architektur + Kunst Stanislaw Chomicki: Pinhole Towers - Fotografie mit der Lochkamera

Stanislaw Chomicki: Pinhole Towers - Fotografie mit der Lochkamera

Fast alle Hochhäuser in Frankfurt hat Stanislaw Chomicki in seinem Projekt »Pinhole Towers« festgehalten – per Lochkamera. Die mehrfach ausgezeichneten Arbeiten waren schon rund um die Welt zu sehen, von Frankfurt über Curitiba, Bochum, Washington bis Vilnius, Linz, San Francisco, Stuttgart, und zuletzt auch im Rahmen der vergangenen Biennale in Venedig.

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Stanislaw Chomicki arbeitet sowohl digital als auch mit dem ältesten »Lichtbildmedium«, der Lochkamera, ein Spannungsfeld, das unterschiedlichste Entdeckungen in der Fotografie erlaubt – für den Fotografen selbst ebenso wie für den Betrachter. In den »Pinhole Towers« entstehen überraschend intime Ansichten der Hochhäuser, gerade so, als ob man selbst beim Schlendern durch die Stadt einen plötzlichen Blick auf einen der Türme erhascht, die man im Alltäglichen meist nur in Ausschnitten sehen kann.

Im Interview mit Simone Kraft berichtet Stanislaw Chomicki auf deconarch.com, wie er zur Arbeit mit der Lochkamera gefunden hat – und wie das Digitale damit harmoniert -, warum gerade moderne Hochhäuser ein so reizvolles Motiv für die Camera obscura sind und wie ein solches Bild entsteht, ganz praktisch.

INTERVIEW

Simone Kraft: Die »Pinhole Towers«, die Frankfurter Skyline durch die Lochkamera – wie kam es zu dieser Serie?

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Stanislaw Chomicki: Bei meinem ersten Lochkameraprojekt »In jedem Ende ein Anfang« habe ich mich zwei Jahre mit Objekten auseinandergesetzt, die mit Vergänglichkeit zu tun haben. Die nostalgischen Objekte und die Art der Lochkamerafotografie passten optimal zueinander. Während dieses Projekts wurde mir klar, dass Gegensätze zu mehr Spannung führen kann, und ich machte mich auf den Weg, Neues zu finden.

Nach den ersten Tests wurde mir sofort klar, dass Hochhäuser ein größeres Projekt mit der Lochkamera werden müssen: die modernste Architektur Frankfurts, fotografiert mit der ältesten Form der Kamera! Die geheimnisvolle, leicht verträumte Darstellung von klaren Formen. Die Analogie zu »Metropolis« war vorprogrammiert.

Frankfurt bietet mehr als 80 architektonisch interessante Gebäude, die für mich Fortschritt und eine fantastische Leistung der Architekten darstellen. Für mich als Fotograf ist es höchst reizvoll, die Vielfalt der Formen aus unterschiedlichen Perspektiven zu spannenden Kompositionen unter rein ästhetischen Aspekten in Szene zu setzen. Meine Arbeit an »Pinhole Towers« ist natürlich nicht vollendet. Immer noch fotografiere ich neu entstehende oder modernisierte Hochhäuser in Frankfurt.

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Simone Kraft: Hochmoderne Architektur – mit der ältesten Form von Fotografie: Warum arbeiten Sie mit der Lochkamera?

Stanislaw Chomicki: In den letzten Jahrzehnten gab es eine enorme Entwicklung im Bereich der digitalen Fotografie und diese verdrängte damit fast völlig alle Varianten der analogen Fotografie. Selbstverständlich fotografiere ich auch digital, in meiner Position an der Hochschule RheinMain muss ich die neueste Technik kennen und beherrschen. Vor etwa fünf Jahren stellte ich mir aber folgende Fragen: Wie viel Technik brauche ich tatsächlich, um zu fotografieren? Kann ich mit einem minimalen technischen Aufwand auch gute Fotografie machen? Es war eine Herausforderung für mich!

Im Gegensatz zur digitalen Fotografie beschränke ich mich auf eine Aufnahme pro Motiv. Das zwingt mich im positiven Sinne dazu, mich intensiv mit dem Motiv auseinanderzusetzen, die aus meiner Sicht beste Perspektive zu wählen und nur Aufnahmen zu machen, wenn alle Voraussetzungen wie z.B. das Aufnahmelicht stimmig sind. Ein Vorteil, der sich aus der analogen Fotografie ergibt: Es muss nicht aus vielen Varianten die beste Aufnahme ausgewählt werden. Ich glaube, es ist ein große Nachteil der digitalen Fotografie, dass viele Aufnahmen entstehen und sehr viele später wieder gelöscht werden. Selbstverständlich gibt es natürlich auch Bereiche der Fotografie, wo diese Vorgehensweise absolut berechtigt ist.
Mit der Lochkamera oder einer Großformatkamera ist man im Wesentlichen auf statische Motive beschränkt. Es gibt genug Zeit, sich mit dem Objekt intensiv auseinanderzusetzen und um alles gut zu überdenken.

Simone Kraft: Wie ist Ihr Arbeitsprozess? Gehen Sie konzeptionell vor oder »finden« Sie Ihre Themen zufällig?

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Stanislaw Chomicki: Generell arbeite ich eher konzeptionell. Es bedarf oft sehr vieler Recherchen im Internet. Wo finde ich die gewünschten Objekte? Passen sie zu meinen Thema? Manchmal ergibt sich zufällig, dass ich etwas finde, was zum Thema passt, aber das ist sehr selten.
Bei »Pinhole Towers« war mehr die Frage: Zu welcher Zeit kann ich die Hochhäuser fotografieren? Wann ist das beste Licht? Müssen Zugänge geklärt und Fotografiererlaubnisse eingeholt werden? Das Thema und damit das Ziel waren klar definiert

Simone Kraft: Wie entsteht ein Lochkamera-Bild ganz praktisch?

Stanislaw Chomicki: In der einfachsten Form ist eine Lochkamera ein schwarz gestrichener Kasten mit einem winzigen Loch in der Vorderseite, das Aufnahmematerial befindet sich an der Rückwand. Das ist alles! Da die Belichtungszeiten oft mehrere Minuten betragen, ist nicht mal ein Verschluss notwendig. Ein Nachteil beim Einsatz einer Lochkamera ist die Tatsache, dass man nach jeder Aufnahme in die Dunkelkammer muss, um den Film zu wechseln. Mehrere Aufnahmen hintereinander sind leider nicht möglich.

Seit mehreren Jahren arbeite ich mit der Großformatkamera und Filmkassetten. Statt Objektive verwende ich eine Objektivplatte, die mit einem Loch versehen ist. Die Vorteile ergeben sich durch die Verstellbarkeit der Kamera und durch die Auszugverlängerung. Dadurch bin ich nicht auf eine bestimmte Brennweite festgelegt. Das bietet natürlich große Vorteile bei der Bildgestaltung. Wenn es möglich ist, versuche ich meine Motive so zu fotografieren, dass ich später keine Ausschnitte mehr machen muss. Die Aufnahmen aus der Serie »Pinhole Towers« entstanden mit einem starken Rotfilter, der den Himmel abdunkelt und damit fast eine Nachtwirkung erzielt.

Nach der Filmentwicklung werden die Negative eingescannt und sorgfältig bearbeitet. Seit Jahren bevorzuge ich die hybride Vorgehensweise in meiner Fotografie. Am Rechner kann ich die Aufnahmen sehr genau partiell anpassen, dies ist in der Dunkelkammer in dieser Genauigkeit nicht möglich.

Simone Kraft: Warum Fotografie? Welche Möglichkeiten eröffnet Ihnen diese Art der künstlerischen Arbeit?

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Stanislaw Chomicki: Mit der Fotografie beschäftige ich mich seit meinen achtzehnten Lebensjahr. Damals verdunkelte ich die Fenster der Küche meiner Eltern, um nachts meine ersten Aufnahmen zu vergrößern. Zur dieser Zeit studierte ich Musikpädagogik und die Fotografie war für mich nur ein Hobby. Leider konnte ich mein Studium in Deutschland nicht fortsetzen und ich stellte mir die Frage: Was willst Du in deinem Leben machen? Nach einer zweijährigen Ausbildung zum Fotolaboranten folgte eine zweite Ausbildung zum Werbefotografen und im Anschluss die Meisterprüfung. Für mich war die Fotografie schon immer eine große Leidenschaft, eine Berufung. Meine Tätigkeit in der fotografischen Ausbildung von Studenten einerseits und die private Leidenschaft für meine fotografischen Projekte andererseits ermöglichen mir, mich mit der Fotografie in allen Facetten auseinanderzusetzen und völlig unabhängig und mit Freude künstlerisch zu betätigen. Die Fotografie erlaubt mir, nach meinen Vorstellungen kreativ zu arbeiten.

In der Zeit der analogen Fotografie beschäftigte ich mich mit verschiedenen Verfremdungs-Techniken: Pseudosolarisationen, Fotogrammen und Tönungen. Auch die alten Techniken wie z.B. Bromoildruck empfinde ich bis heute als sehr spannend. Eine Technik aus der Jahrhundertwende, die Fotografie und Malerei miteinander verbindet. Nach dem Einzug der digitalen Fotografie haben sich die Möglichkeiten der Bildbeeinflussung vervielfacht. Es gibt sozusagen keine Grenzen mehr für die Kreativität. Natürlich kann man sich fragen: Muss ich etwas machen, nur weil es machbar ist? In meiner Bildbearbeitung beschränke ich mich bei meinen Schwarzweiß-Aufnahmen nur auf die Steuerung der Kontraste und ggfs. kleine Retuschen von Verunreinigungen auf dem Film.

Simone Kraft: Gibt es Inspirationen, Vorbilder?

 

Stanislaw Chomicki: Als Großformatfotograf habe ich mich sehr lange mit der Landschaftsfotografie beschäftigt. Ansel Adams war schon immer mein großes Vorbild in der Perfektion bei der Aufnahmetechnik und Ausarbeitung von Aufnahmen. Ich strebe nach höchstmöglicher Kontrolle – oder besser gesagt: nach einer planbaren Fotografie. Es gibt einige Fotografen, die ich auch sehr schätze, z.B. Yosuf Karsh, Berndt und Hilla Becher, Karl Blossfeldt, August Sander oder Robert Häuser. Diese Fotografen sind für mich sehr interessant, da sie eine unverwechselbare eigene Bildsprache entwickelten. Der individuelle Blick und die Gestaltung eines erkennbaren eigenen Stils sind auch für mich ein wichtiges Ziel meiner Fotografie.

Simone Kraft: Stanislaw Chomicki, herzlichen Dank für die Einblicke!

Quelle: deconarch.com

Alle Abb. Stanislaw Chomicki, www.chomicki.de

 

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