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Kunst im urbanen Raum: Galerie M in Berlin

Kunst in einer besonderen urbanen Situation. Die Galerie M in Berlin-Marzahn

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Eine der wenigen Galerien im deutschsprachigen Raum, die ihren Schwerpunkt auf die Verbindung von Architektur und Kunst gelegt haben, ist die Galerie M in Berlin Marzahn-Hellersdorf. In Reaktion auf die besondere urbane Situation vor Ort hat Galeristin Karin Scheel, die 2009 die Leitung der Galerie übernommen hat, einen besonderen thematischen Fokus entwickelt, der so in der Kunstlandschaft nicht wieder zu finden ist. Präsentiert werden Arbeiten von zeitgenössischen Künstlern und Künstlerinnen, die sich mit dem städtischen Raum auseinandersetzen und auf die besondere urbane Situation vor Ort reagieren. Damit ist die Galerie nicht nur in ihrer Ausrichtung und Zielsetzung so individuell, dass es keine Vorbilder gibt, sie ist zudem auch die einzige Galerie für zeitgenössische Kunst in diesem Berliner Bezirk, für den auch das »M« im Namen steht. Wie vielversprechend der Ansatz ist, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass die vergangenen Ausstellungen neben dem »klassischen« Galeriepublikum auch viele Bewohner Marzahn-Hellersdorfs in die Ausstellungsräume lockten.

Marzahn-Hellersdorf – Kunst in einem urbanen Brennpunkt?

Marzahn-Hellersdorf ist eine der größten zusammenhängenden Siedlungen industrieller Bauweise in Europa und war die größte Großwohnsiedlung im Gebiet der ehemaligen DDR. Sie wurde zwischen Mitte der 1970er und Ende der 1980er Jahre vorwiegend in Plattenbauweise als durchgrünte Stadtlandschaft um das alte Dorf Marzahn und das Gut Hellersdorf errichtet und ist Wohnort von rund 240.000 Menschen. Heute wird der Berliner Bezirk jedoch weniger mit Kunst und Kultur, dafür umso mehr als sozialer Brennpunkt mit Gewalt, Ausländerfeindlichkeit, Hartz IV in Verbindung gebracht. Eine sehr vorurteilsbeladene Sichtweise, die die Galeristin nicht teilt und die auch ein Besuch vor Ort nicht bestätigt – natürlich ist es zwischen den Hochhausplatten nicht ähnlich attraktiv wie in Mitte, aber es herrscht auch nicht das verwahrloste, trostlose »Ghetto« vor, das die Darstellung in den Medien glauben machen will.

Allerdings spielt die zeitgenössische Kunst in diesem Umfeld tatsächlich kaum bis gar keine Rolle. Zwar gibt es in Marzahn-Hellersdorf noch viele Kunstwerke vorrangig im öffentlichen Raum, zu denen nach 1990 noch einige hinzukamen. Für temporäre und zeitgenössische Kunstprojekte ist der Raum hier jedoch noch kaum erschlossen. Dabei fordert gerade dieses urbane Umfeld zu künstlerischer Auseinandersetzung heraus und bietet Künstlern ein ungeheuer großes Arbeitsfeld mit Reibungsfläche.

Urbane Reibungsfläche für künstlerische Auseinandersetzungen


Darauf will die Galerie M reagieren. Gezielt werden zeitgenössische Künstler eingeladen, vor Ort zu arbeiten. In Auseinandersetzung mit dem spezifischen urbanen Umfeld in Marzahn-Hellersdorf werden gemeinsam die Inhalte der Ausstellungsprojekte erarbeitet, deren Charakter und Thema von der individuellen künstlerischen Arbeitsweise bestimmt wird. Die Reaktion auf die räumliche Situation ist auf vielfältige Weise möglich, sie kann sich ebenso auf einer rein gedanklichen wie auf einer konkreten Ebene entwickeln, sie kann soziologische, architektonische oder auch philosophische Ansätze integrieren. Zugrunde liegt diesem Konzept der Galerie M die Vorstellung, dass Kunst nicht als universell verwendbares Atelierprodukt zu verstehen ist. Dass es sich nicht um ein simples Spiegeln, ein Reflektieren als schlichtes Abbilden von dem, was ist, handelt, sondern um eine Reflektion im übertragenen Sinne: um ein aktives Reagieren auf die vorgefundene urbane Situation.

Diese Herangehensweise, die oft eine lange Vorlaufzeit benötigt, zeichnet das spezielle Konzept der Galerie M aus. Es entstehen Projekte und Ausstellungen, die eigens für die besondere Lage der Galerie in Marzahn-Hellersdorf entwickelt werden und in dieser Form an keinem anderen Ort gezeigt werden könnten. Zeitgenössische Kunst in Marzahn? Auf jeden Fall, so Karin Scheel, denn »Kunst und Kultur gehören nun einmal zum Leben dazu, nicht nur als nette Accessoires.«

Von falschen Hasen und anderen Installationen: Das aktuelle Programm


Passend zu ihrer konzeptuellen Ausrichtung hat die Galerie M Anfang Oktober während der Berliner Stadtumbauwoche 2009, die Fragen zum Umgang mit der Kunst im öffentlichen Raum im Rahmen des Stadtumbauprozesses thematisiert, eine Diskussion mit Künstlern, Architekten und städtischen Vertretern veranstaltet, die unter anderem der Frage nachging, ob die Umsetzung ortlos gewordener Kunst im öffentlichen Raum an neue Standorte möglich ist oder ob diese mit dem Verlust des Ortes auch ihre Funktion verloren hat. Ein Thema, das gerade in Marzahn hochaktuell ist.
Noch bis Mitte November sind unter dem Titel »falscher Hase – oder vom Leben in den Wäldern« Videos, Objekte und Fotografien von Jil Teichgräber, Ines Kleesattel, Semra Henin und Franziska Meinert zu sehen. Die vier jungen Künstlerinnen sind Schülerinnen von Thorsten Goldberg, der ihre Arbeiten, die sich dem städtischen Raum jenseits von theoretischer Architekturanalyse und soziologischen Untersuchungen annähern, vorstellt. Die Objekte zeigen eine Verwunderung über die oft klischeehafte Außensicht auf den Bezirk, ein Staunen über das für die Künstlerinnen ebenso überraschende wie irritierende städtische Idyll der Großsiedlung.
Darauf wird ab Ende November über den Jahreswechsel die (fast) raumfüllende Installation »Baltha« von Rolf Wicker folgen. Wicker arbeitet mit Architekturzitaten und wird Formen der räumlichen Umgebung in das Objekt integrieren.

Galerie M, www.galerie-mh.de 

Videos, Objekte, Fotografien. Jil Teichgräber, Ines Kleesattel, Semra Henin, Franziska Meinert vorgestellt von Thorsten Goldberg, 01.10.09 bis 12.11.09

Rolf Wicker, Baltha [architektonische Rauminstallation] Vernissage 27.11.09, 18.00 Uhr, 28.11.09 bis 15.01.10

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