Nur die enorme Gebäudehöhe lässt die Belohnung ahnen, die man erwartet, nachdem man per Velo die Heinrich-Heine-Straße ab Moritzplatz in Richtung Spree hinter sich gebracht hat. Nicht eben zu den schönsten Ecken zählt diese Gegend. Vorbei an Autoschlangen streckt sich die längste Platte Berlins etwa 1 km. Zu ihr gesellen sich ungepflegt wirkende Grünflächen und merkwürdige Gestalten mit mürrischen Blicken. Den Ausstellungstitel im Kopf, ist man hier tatsächlich mit einer »Realstadt« konfrontiert, für die es eine Menge (Verbesserungs-) Wünsche gäbe.
Nach einigem Hin- und Her-Überlegen kommt die Assoziation einer Kirche. Ja, Säulen rechts und links, die graue Beton-Patina der Wände, eine stillstehende und verräumlichte Ahnung der Zeit, das sonore Stimmengeflecht, enorme Raumhöhen in einer mehrschiffigen, annähernd basilikalen Anlage und drei kreisrunde Lampen, die raumgreifend von der riesig hohen Deckenhalle hängen wie Monde.
Noch einige Gedanken zur »Realstadt« gegen den Strich gebürstet. Man kann sich schon fragen, ob Stadtplanung nicht viel mit Macht und Kontrollwillen zu tun hat, wenn man die 250 Architektur- und Städtebaumodelle der Ausstellung abschreitet. Was zeigt sich hier? Glaubt man denn wirklich, in einem Modell die Realität abbilden zu können? Glaubt man denn, dass die Vogelperspektive ausreicht, dem Leben nahezukommen? Glaubt man denn, dass Fachleute über Menschen entscheiden können, indem sie sie in einer Art Puppenhaus drapieren?
Wie passt die Schau von Stadtbaumodellen in den aktuellen Diskurs der »Stadtraumaneignung«? (siehe hierzu auch den Artikel »Taking to the Streets«) Wären die Mächtigen und ihre Planer diesem Denken verpflichtet, müsste sie nämlich aus der Augenhöhe der Bewohner planen und nicht aus dem Vogelflug der Fachleute.
Unrecht sollte man dem Kuratorenteam der »Realstadt« aber nicht tun, denn es scheint sich ernsthaft mit der Frage befasst zu haben, wie man eine gemeinsame Sprache findet zwischen Regierenden, Stadtplanern und -bewohnern, Architekten und Künstlern.
Notwendig, weil diskursfördernd, wirkt die Stadt im Modell also naturgemäß wie ein Spielzeug. Dieser kleinste gemeinsame Nenner hat positive wie negative Seiten. Positiv ist, dass im freien Spiel neue Möglichkeiten entstehen. Negativ, dass man die Stadt und ihre Bewohner zum Spielzeug macht.
Weil der begriffsabhängige Diskurs nicht nur der Abendländer Segen, sondern auch ihr Fluch ist, ist er notwendig immer auch falsch beschrieben: »… Wie die Biene zugleich an den Zellen baut und die Zellen mit Honig füllt, so arbeitet die Wissenschaft unaufhaltsam an jenem grossen Columbarium der Begriffe, der Begräbnissstätte der Anschauung …« (Nietzsche, Friedrich: Digitale Kritische Gesamtausgabe Werke und Briefe)
Stadtausstellung Realstadt, www.realstadt.de
Ausstellung 2. Oktober 2010 bis 28. November 2010 im Kraftwerk Mitte, Berlin
Autor: Christian J. Grothaus, Architekt und freier Autor mit Fokus auf Musik, Philosophie, (Bau-) Kunst und Ästhetik, www.logeion.net, www.grothaus-pr.de






