Anzeige AZ - A1 - 900 x 250 R7

Start Magazin Architektur + Kunst Zurück zu den Wurzeln. Über die Vielfalt spät-sowjetischer Architektur

Zurück zu den Wurzeln. Über die Vielfalt spät-sowjetischer Architektur

http://www.architekturzeitung.eu/azbilder/2011/1103/cosmic-communist-constructions-photographed.jpg
Frédéric Chaubin ist der langjährige Chefredakteur des französischen Lifestyle-Magazins »Citizen K.«  und macht derzeit eifrig seinen neuen Bildband bekannt. Bis 2010 hatte er sieben Jahre lang den Raum der ehemaligen Sowjetunion bereist und dokumentierte das bauende Schließen eines Kreises. Die Erben dessen nämlich, was so enthusiastisch als russischer Konstruktivismus im Anschluss an die Oktoberrevolution von 1917 begann und im Blick auf das architektonische Potential keineswegs den Vergleich mit dem Weimarer »bauhaus« scheuen muss, fanden offensichtlich zu ihren Wurzeln zurück.

Auf etwas über 300 Seiten sind im Großformat (26x34 cm) die beeindruckenden Fotos spät-sowjetischer Architektur von 1970 bis 1990 präsentiert. Dass es neben dem geneigten Seher auch dergleichen Leser gibt, hat man allerdings beim Einführungsteil vergessen, denn leuchtend rote Hintergründe eignen sich eher selten, um weißen Fließtext zu entziffern - aber das nur nebenbei.

In einem Video Interview erläutert Frédéric Chaubin, wie die Melancholie der Bauwerke ihn besonders ansprach. Er hat es geschafft, dieses Gefühl auch ins Buch zu bannen. Abgebildet werden fast durchweg Solitäre, also allein stehende Gebäude, die sich kraftvoll ihren Raum nehmen bzw. ihn geben. Das poetisch-melancholische Potential entfaltet sich in ihrem Genügen, als stumme Zeugen den Mut zum offenen Horizont zu markieren und dabei gleichzeitig bauliches Geleit menschlicher Tatkraft zu sein.

Die abgebildeten Häuser sind also nicht zuletzt dreidimensionale Belege für die Fähigkeit zur Lösung aus der Tradition einer religiös verbrämten Conditio humana. F. Chaubin dazu: »Diese Arbeit ist eine Hommage an ihre (die Architekten, CJG) Maßlosigkeit«. Hier sei einer der bekanntesten Konstuktivisten, nämlich El Lissitzky (1890-1941) mit einem Gedichtauszug von 1926 in Erinnerung gerufen: »Der Mensch ist das Maß des Schneiders. Aber Architektur messt an Architektur«.

Damit sind wir auch schon beim Kern angelangt. Was hier zu sehen ist, gibt es in unserer Gesellschaft wohl kaum noch: die Utopie. Und aus ihrem Verlust speist sich auch die Wirkung der fotografierten Bauwerke. Diese waren auf das Engste verknüpft mit der Technologie. Sie stand für die Kraft zum Künstlichen, die Kunst und Technik als Ingredienzien einer menschengemachten Ordnung neu synthetisierte.

http://www.architekturzeitung.eu/azbilder/2011/1103/georgisches-ministerium-fuer-autobahnen-tiflis.jpg

Offensichtlich haben wir heutigen Bewohner des »Weltinnenraums des Kapitals« (P. Sloterdijk mit gleichnamigem Buchtitel) uns mit einer Technik abgefunden, die die visuelle wie virtuelle Horizontqualität des allumfassenden Netzes über geschmeidige Smartphones oder durchgestylte Computer sicherstellt. Zu Zeiten der russischen Revolution und, dank F. Chaubins Arbeit sichtbar, auch am zeitlichen wie räumlichen Ende ihrer territorialen Ausprägung, begriff man die Technik noch härter, mahnender, architektonischer. 

Drei Thesen zum Baugeschehen in der späten Sowjetunion werden im kundigen Einführungstext zu der Frage entwickelt, wie sich das utopische Erbe der russischen Konstruktivisten rund 50 Jahre nachdem Stalin »den pionierhaften Rationalismus« beendete, neu entfalten konnte. Entweder handelt es sich hier um ein Verfallsgeschehen, das der Fantasie die Erinnerung an kreativere Zeiten erlaubte oder es gaben sich die abtrünnigen Republiken im Süden und Norden der Union ihre Symbole zur Nationenbildung oder drittens glich das phantastische Keimen einem geplanten Modernisierungsversuch und also dem Ausbruch aus einem rationalistischen Kessel der Normen, Regeln und Vorschriften. Denn, so macht der Autor klar: »Jede in der UdSSR geplante Baumaßnahme wurde durch den Staat in Auftrag gegeben und Experten anvertraut, die vom Staat ausgebildet wurden und nur für den Staat arbeiteten«.

Verwundert reiben sich die heutigen Betrachter die Augen über das Science-Fiction Potenzial der spät-sowjetischen Architektur. Auch hier lohnt der intellektuelle Sprung zurück. »Über das architektonische Dostojewskitum und anderes« titelte Mitte der 1920er Jahre I. Wereschtschagin seinen Aufsatz und schrieb u.a.: »Gegenwärtig werden nicht nur neue Fabriken aufgebaut, sondern auch eine neue Kultur und ein neuer Mensch … Wir haben neue Bauerfahrung. Diese Erfahrung fordert ein neues Bewusstwerden. Neuer Wein darf nicht in alte Schläuche gefüllt werden.«

Folgerichtig verschmähten die Konstruktivisten antikisierende Maße, Zahlen und Proportionen und gaben sich stattdessen ihre eigene Ordnung, zu der es ebenfalls gehörte, die Erdanziehungskraft überwinden zu können. Auch weit nach dem Ende der avantgardistischen Blütezeit blieb das Weltall und die Raumfahrt eine Kontante in der Sowjetunion, was sich nicht nur 1961 an Juri Gagarin (1934-1968), dem ersten Menschen im Kosmos zeigte, sondern eben auch in der Architektur.

http://www.architekturzeitung.eu/azbilder/2011/1103/institut-fuer-robotik-und-kybernetik-petersburg.jpg

Dass ein kommunistisches Denken in einer christlichen Strukturverwandtschaft operiert und auf eine noch zu erreichende, bessere (was immer das heißen mag) Welt ausgerichtet ist, dürfte nicht mehr ernsthaft umstritten sein. So verortet F. Chaubin die außerirdischen Ambitionen der Sowjetunion nicht nur im Wettlauf des kalten Krieges mit den USA, sondern auch als transzendenzgeschwängerten Mythos und bindet deren bauliche Blüten mit der Notwendigkeit der Massenversammlung zum Strauß einer »sowjetischen Liturgie« zusammen.

»Cosmic Communist Constructions Photographed« ist ein gelungener Bildband, der neugierig macht auf die noch zu entdeckte Geschichte eines Imperiums, das sich am Ende an seine Anfänge zu erinnern schien. Insofern wären die fotografierten Gebäude tatsächlich Platzhalter einer: »Macht, die illusorisch werden wird und deren Zerfall sich genau durch die zunehmende stilistische Diversität dieser Architektur manifestierte«.

 

 

Abbildungen mit Genehmigung des Taschen Verlags, Copyright: Frédérich Chaubin

Autor: Christian J. Grothaus, Architekt und freier Autor mit Fokus auf Musik, Philosophie, (Bau-) Kunst und Ästhetik, www.logeion.net, www.grothaus-pr.de

Zooviertel-Carrée von sop architekten

Zooviertel-Carrée von sop architekten

Mit dem neuen Wohnquartier Zooviertel-Carrée im beliebten Düsseldorfer Stadtteil Düsseltal hat slapa oberholz pszczulny | sop architekten ein Ensemble aus modernen Mehrfamilienhäusern realisiert, das die Architekturgeschichte des Standortes weitererzählt.

Mikrohofhaus mit 7 Quadratmetern von Atelier Kaiser Shen

Mikrohofhaus mit 7 Quadratmetern von Atelier Kaiser Shen

Das hier vorgestellte, kompakte Mikrohofhaus stellt einen Beitrag zum immer knapper werdenden Wohnungsbedarf dar und ist nicht nur ein Vorschlag, eine unwirtliche Restflächen nachzuverdichten, sondern auch ein überzeugender Gegenentwurf zu immer größer werdenden Wohnungsgrößen. Der Bauplatz, auf dem...

Flagshipstore in Stuttgart von DIA – Dittel Architekten

Flagshipstore in Stuttgart von DIA – Dittel Architekten

DIA – Dittel Architekten hat für Mußler Beauty by Notino die erste von 10 geplanten Filialen in Deutschland entwickelt, gestaltet und umgesetzt. Ziel des Konzeptes ist es, die Marke der Online-Offline-Symbiose im Raum erlebbar zu machen und die Kundenbindung zu fördern und weiter auszubauen.

Weitere Artikel:

Dezentrale Lüftungsanlage im Einfamilienhaus

Dezentrale Lüftungsanlage im Einfamilienhaus

Das eigene Haus zu planen und zu bauen bringt viele Entscheidungen mit sich. Familie Lorenz hat ihr Projekt vollendet und genießt nun den Komfort ihres Eigenheims. Als Architekten haben sie die kompletten Planungsarbeiten in Eigenleistung erbracht. Entsprechend mit der Materie vertraut, ließen sie a...

Künstlerische Neugestaltung der Pfarrkirche St. Dionysius in Elsen

Künstlerische Neugestaltung der Pfarrkirche St. Dionysius in Elsen

Zeitgemäße Neuausmalung oder Konservierung des Bestands? Vor dieser Entscheidung stand die Gemeinde der römisch-katholischen Pfarrkirche St. Dionysius in Elsen, einem Stadtbezirk von Paderborn. Im Rahmen der umfangreichen Sanierung des denkmalgeschützten Kirchengebäudes entschied man sich für die kü...

Universitätsneubau an geschichtsträchtigem Ort von Erick van Egeraat

Universitätsneubau an geschichtsträchtigem Ort von Erick van Egeraat

Am Augustusplatz in Leipzig wurde im Dezember 2017 ein architektonisch herausragender Gebäudekomplex fertiggestellt. Er setzt sich aus dem Neuen Paulinum (Aula und Universitätskirche St. Pauli) und dem Neuen Augusteum zusammen. Der Ort, auf dem das Objekt errichtet wurde, kann auf eine lange wechsel...

Weitere Artikel:
Anzeige AZ-C1-300x250 R7

AZ Newsletter

Ihre E-Mail
 Anmelden  Abmelden

Senden Sie mir den Newsletter der AZ/Architekturzeitung zu. Ich bin damit einverstanden, den Newsletter zu erhalten und weiß, dass ich mich jederzeit problemlos wieder abmelden kann. Der Newsletter kann bei Bedarf Werbung von Dritten enthalten.

Fachwissen | Architekten + Planer

  • Betoninstandsetzung: Wer haftet wann und wie?
    Betoninstandsetzung: Wer haftet wann und wie? Die Ausführung von Betonerhaltungs-, Betonschutz- und –instandsetzungsmaßnahmen erfordert umfassende fachliche Qualifikationen. Der nachfolgende Beitrag nimmt Stellung zu Anforderungen, die sich…

Dezentrale Lüftungsanlage im Einfamilienhaus

Dezentrale Lüftungsanlage im Einfamilienhaus

Das eigene Haus zu planen und zu bauen bringt viele Entscheidungen mit sich. Familie Lorenz hat ihr Projekt vollendet und genießt nun den Komfort ihres Eigenheims. Als Ar...

Universitätsneubau an geschichtsträchtigem Ort von Erick van Egeraat

Universitätsneubau an geschichtsträchtigem Ort von Erick van Egeraat

Am Augustusplatz in Leipzig wurde im Dezember 2017 ein architektonisch herausragender Gebäudekomplex fertiggestellt. Er setzt sich aus dem Neuen Paulinum (Aula und Univer...

Künstlerische Neugestaltung der Pfarrkirche St. Dionysius in Elsen

Künstlerische Neugestaltung der Pfarrkirche St. Dionysius in Elsen

Zeitgemäße Neuausmalung oder Konservierung des Bestands? Vor dieser Entscheidung stand die Gemeinde der römisch-katholischen Pfarrkirche St. Dionysius in Elsen, einem Sta...

Neuer Service für Architekten: Coating on Demand

Neuer Service für Architekten: Coating on Demand

Mit dem neuen Service »Coating on Demand« (CoD) ermöglicht AGC Interpane Architekten jetzt die Entwicklung einzigartiger Verglasungen, die exakt auf die Anforderungen von...

Hightech-Glamour

Hightech-Glamour

Die Alucobond-Oberflächenserie »Anodized Look« setzen Architekten gerne dort ein, wo dauerhaft metallisch schimmernde Fassaden gewünscht sind. Die Aluminiumverbundplatten...

Flachdach-Ausstieg

Flachdach-Ausstieg

Seit Februar ist der neue Flachdach-Ausstieg »DRL« von FAKRO auf dem Markt. Dieser ermöglicht den Zugang zum Flachdach über das Dachgeschoss. Die Bedienung des Ausstiegs ...

Elegant und minimalistisch

Elegant und minimalistisch

Die Fassade und das Dach eines Hauses im südkoreanischen Sokcho wurden mit
einem ein Solid-Surface-Material verkleidet. Im Dialog mit der Natur verändert das Gebäude sein ...

Dünnwandige Aufsatzwaschtische

Dünnwandige Aufsatzwaschtische

Bei der Entscheidung für einen neuen Waschtisch spielen Aspekte wie Langlebigkeit und Robustheit eine entscheidende Rolle. Auch nach Jahren der intensiven Nutzung sollte ...

Die Bahnhofsmall des neu gestalteten Wuppertaler Hauptbahnhof

Die Bahnhofsmall des neu gestalteten Wuppertaler Hauptbahnhof

In einem über mehrere Jahre angelegten Projekt wird der Hauptbahn-hof Wuppertal und dessen Anbindung an die Innenstadt umgestaltet. Bereits fertiggestellt ist die Bahnhof...

Flexible Mastleuchte für den Außenraum

Flexible Mastleuchte für den Außenraum

Bei der Beleuchtung des Außenraums setzt die smarte LED Mastleuchte, die der international bekannte Lichtdesigner Dean Skira für Delta Light entworfen hat, neue Maßstäbe....

Weitere Artikel:


Anzeigen AZ-D1-300x600 R7

Wenn Sie die AZ/Architekturzeitung lesen, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Datenschutzhinweis.

Dieses Fenster entfernen.