Start Innovation Außenraum Aussichtsplattform Wolkenhain: Landmarke der IGA

Aussichtsplattform Wolkenhain: Landmarke der IGA

http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2017/1709/aussichtsplattform-wolkenhain-iguzzini-01.jpg
 

Bis Oktober ist Berlins östlichster Stadtbezirk Standort für die Internationale Gartenausstellung (IGA), zu der rund zwei Millionen Gäste aus Europa erwartet werden. Die neue Parklandschaft, welche die Grün Berlin GmbH im Auftrag des Bezirksamts Marzahn-Hellersdorf realisierte, breitet sich in einem reizvollen Landschaftsraum rund um die international bekannten »Gärten der Welt«, den bewaldeten Kienberg und Teile des wasserreichen Wuhletals aus. Die Gestaltung des rund 100 Hektar großen Ausstellungs-geländes folgt dem Entwurf von geskes.hack Landschaftsarchitekten, VIC Brücken und Ingenieurbau und den Berliner Architekten Kolb Ripke. Eine besondere Rolle für die IGA spielt der Kienberg, da dessen offenes Gipfelplateau das bei eingeschalteter Beleuchtung weithin sichtbare, markante Aussichtsbauwerk Wolkenhain und somit quasi die Visitenkarte des größten Garten-Festivals in Deutschland aufnimmt.

Die in der Eiszeit entstandene Erhebung Kienberg, die auch als Hellersdorfer Berg bekannt ist, maß 1966 eine Höhe von knapp 60 Metern. Bau- und Trümmerschutt sowie die Bodenaushebung für den Bau der Siedlung Marzahn ließen die Anhöhe in ihrem flachen Umfeld bis 1981 auf beachtliche 102,2 Meter wachsen. Marzahner Kippe oder Müllkippe wurde der Kienberg in jener Zeit wenig schmeichelhaft vom Volksmund genannt. Seit Mitte der 1970er Jahre waren Pläne, die zum Berg angewachsene Erhebung als Naherholungsgebiet aufzuwerten, immer wieder gescheitert. Einzig die Idee eines Serpentinenwegs auf der Westseite hatte es zur Realisierung geschafft.

http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2017/1709/aussichtsplattform-wolkenhain-iguzzini-02.jpg

Im Zuge seiner Aufwertung für die Gartenausstellung behielt der Kienberg seinen ruhigen, waldreichen Charakter und erfuhr eine ökologische Weiterentwicklung zwecks Erhöhung der Struktur- und Artenvielfalt. Der vorhandene Serpentinenweg wurde um einen neuen Wegeaufgang auf der Ostseite ergänzt. Am nördlichen Fuß des Kienbergs verbindet die neue, 85 Meter lange Tälchenbrücke die Gärten der Welt barrierefrei mit dem Bergplateau und dem Aussichtspunkt Wolkenhain, der auch über eine neue Seilbahn erreichbar ist.

Für den Wolkenhain, der das Zentrum und den Orientierungspunkt für das gesamte IGA-Areal darstellt und somit Bedeutung als stadträumliche Marke erlangt, entwarfen die in Berlin ansässigen Architekten Kolb Ripke eine Form, die sich an den Sichtachsen orientiert. Gäbe es nicht den natürlichen Bewuchs, hätten sich dem Auge vom Kienberg-Plateau weite Panoramen von Marzahn-Hellersdorf bis in das Berliner Zentrum geöffnet. So lag die Entwicklung einer Lösung nahe, bei welcher der Schauende zugunsten eines freien Blicks bestenfalls weit über den Baumkronen schwebt. Dieser Leitgedanke führte zu der Metapher einer Wolke, welche die inhaltliche Bedeutung des Kienbergs als Hintergrund für vielfältige Assoziationen überhöht. Anders als ein vertikal orientierter Aussichtsturm bietet der etwa 30 Meter hohe, begehbare Wolkenhain horizontale Bewegungsmöglichkeit auf unterschiedlichen, den Sichtachsen angepassten Niveaus. Durch das Verjüngen und Aufweiten aller Flächen vermittelt die Wolke dem Besucher in ihrer plastischen Struktur den Bezug zur Komplexität natürlicher Strukturen.

http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2017/1709/aussichtsplattform-wolkenhain-iguzzini-03.jpg

Die polygonale, in Reminiszenz an einen Baumhain auf schlanken, unregelmäßig angeordneten Stahlstützen ruhende Unterkonstruktion, die aus 170 Stahlknoten eine Raumstruktur bildet, wird von einem weißen, transluzenten Gewebe umhüllt, welches den erstaunlich leichten Eindruck des Bauwerks stärkt. Die von der Stahlstruktur getragene, von einem Geländer aus Flachstahl mit Handlauf eingefasste Aussichtsplattform erreicht der Besucher über einen großzügigen Treppenaufgang. Mobilitätseingeschränkten Gästen steht ein Aufzug zur Verfügung, wenn sie das IGA Gelände aus insgesamt ca. 130 Metern Höhe überblicken und die bis zu 50 Kilometer weite Fernsicht genießen wollen.

So weit, so schön. Doch was wäre eine Wolke ohne Licht? Macht doch gerade diese fein-stoffliche Materie deren Reiz aus, wenn sie am Himmel die Farben des Sonnenauf- oder untergangs aufnimmt und den Betrachtern die herrlichsten Farbspiele liefert, welche die Maler unterschiedlichster Stilrichtungen und Epochen – wie etwa Tiepolo oder Emil Nolde – zu ausdrucksstarken Bildmotiven inspirierten. Bereits 2014 wandten sich Kolb Ripke Architekten, deren Entwurf Ende 2013 mit dem 1. Preis aus einem Wettbewerb hervorgegangen war, daher an Schlotfeldt Licht mit Standorten in Hamburg und Berlin. Nun begann eine unruhige, da von vielen unbekannten Faktoren begleitete Phase des Planens, Ent-wickelns, Probierens, Verwerfens, Austauschens und Ausreizens, bis das Kunstwerk aus Licht seinen ersten und einzigen Test am realen Objekt im Dezember 2016 mit Bravour bestand. Zuvor war mit einem Modell 1:10 gearbeitet worden, das viele Fragen, wie bspw. die von der Membran ausgelöste Reflexion des Lichts in den Innenraum des Tragwerks, offen gelassen hatte.

http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2017/1709/aussichtsplattform-wolkenhain-iguzzini-04.jpg

Von Anfang an hatten sich die Lichtplaner aufgrund seiner Produktzuverlässigkeit für den Leuchtenklassiker Linealuce, der als einer der ersten Linearstrahler auch mit LED funktio-nierte, entschieden. Doch dann nahm die fortschreitende Entwicklung der LED-Technologie einen rasanten Verlauf und es boten sich immer mehr zuvor ungeahnte Möglichkeiten, den Wolkenhain, das Zeugnis bester Ingenieursleistung, mithilfe von Licht in ein Kunstwerk zu verwandeln. Zu der RGBW-Technologie, die zu Anfang die Planungsgrundlage für das Erzeugen möglichst naturgetreuer Farbspiele bildete, gesellte sich Tunable White. Fortan war die Nachbildung des Tagesverlaufs mit seinen differenzierten Lichtfarben von kalt- und neutral- bis zu warmweiß möglich. Die Planer probierten schließlich eine zu etwa zwei Dritteln mit Tunable White und zu einem Drittel mit RGBW bestückte Variante, mit der sie ein deutlich schöneres, helleres und natürlicher wirkendes Kunstlicht erzeugten.

An den Fußpunkten der Rahmenkonstruktion wurden in dem 40 Zentimeter hohen Wartungsgang des Wolkenhain 50 150 Zentimeter lange Linearstrahler »Linealuce Compact« verbaut. 33 der Architekturstrahler simulieren mit Tunable White eine Stunde vor Dämmerungsbeginn das abnehmende Tageslicht, während 17 RGBW-Strahler im weiteren Verlauf Farben ins Spiel bringen, die mit dem Himmelslicht korrespondieren oder dagegen steuern. Bei Sonnen-untergang beginnt der zuvor kaum wahrnehmbare Wolkenhain orangefarben zu

glühen und zeigt sich fortan in der Dunkelheit als weithin sichtbarer Leuchtkörper in lachs, kaltweiß oder blau, bis sein Licht um Mitternacht ausgeschaltet wird. Statische Szenen sind ebenso hinterlegt wie diverse Loops, die dynamische Farbwechsel, Pulsieren oder das Durchwandern einer Farbe durch den weißen Lichtraum darstellen. Die vielfältige Programmierung erlaubt täglich ein anderes Schauspiel.

Alle Maßnahmen zur IGA wurden von den Naturschutzverbänden begleitet, denn die Umweltverträglichkeit stellte die größte Prämisse dar. Anders als ultraviolettes Licht mit seinen nicht sichtbaren Wellen beeinträchtigt LED-Licht in keinster Weise den Biorhythmus von Vögeln. Auch die Verträglichkeit für Insekten wird dieser Lichtquelle bescheinigt. Nach Ende der IGA wird der Wolkenhain als öffentlich begehbare Aussichtsplattform bestehen bleiben und den Menschen auch aus der Ferne weiterhin als Landmarke und Kunstobjekt Freude bereiten.

iGuzzini illuminazione Deutschland GmbH, www.iguzzini.com/de 

Bauherr: Grün Berlin GmbH

Architekten: Kolb Ripke Architekten Planungsgesellschaft mbH, kolbripke.de

Projektleitung: Henry Ripke, Marcel Linke, Kolb Ripke Architekten Planungsgesellschaft mbH, Berlin

Bauleitung: Oliver Kirchhof, Marko Augustat & Partner

Beleuchtungskonzept: Torsten Rullmann für Schlotfeldt Licht, schlotfeldtlicht.de

Programmierung: Andreas Barthelmes, LightLife Gesellschaft für audiovisuelle Erlebnisse mbH, Berlin

Fotos: Hanns Joosten

Modernes Design für Touristinformation von DIA – Dittel Architekten

Modernes Design für Touristinformation von DIA – Dittel Architekten

DIA – Dittel Architekten zeichnet für das Gestaltungskonzept sowie Planung und Ausführung der neuen Touristinformation in Schwäbisch Hall verantwortlich. Ziel des Konzeptes ist es, die Identität der Stadt in Raum zu übertragen und mit digitalen und analogen Inhalten erlebbar zu machen. Werte wie Ser...

DGNB-zertifiziertes Autohaus für Neu- und Gebrauchtwagen von ATP architekten ingenieure

DGNB-zertifiziertes Autohaus für Neu- und Gebrauchtwagen von ATP architekten ingenieure

Als Spezialisten für die Automobilbranche und Integrale Planung entwarfen ATP architekten ingenieure die neue Mercedes-Benz-Hauptniederlassung für das Gebiet Rhein-Main. Der Auftraggeber Daimler Real Estate bündelte Verkauf, Verwaltung, Service und Werkstatt von drei Standorten auf einem neuen Gewer...

Oliv Architekten revitalisieren das PEAK Bürogebäude in München

Oliv Architekten revitalisieren das PEAK Bürogebäude in München

Die intelligente Revitalisierung leerstehender Gebäude gehört zu den dringlichsten Aufgaben einer nachhaltigen Stadtentwicklung. Dabei ist der Leerstand, der meist schon über einen längeren Zeitraum geht, ein Indikator für die Schwierigkeit der baulichen und planerischen Aufgabe. So war es auch beim...

Weitere Artikel:

Sommerlicher Wärmeschutz: Gebäude planen und simulieren

Sommerlicher Wärmeschutz: Gebäude planen und simulieren

Alles richtig gemacht und der Bauherr ist trotzdem unzufrieden? Wer bei der Planung von Bürogebäuden allein auf das vereinfachte oder auch das simulationsbasierte Nachweisverfahren der DIN-4108-2 (Wärmeschutz von Gebäuden) setzt, steht zwei Problemen gegenüber.

Fachwerkhaus: Denkmalschutz mit Innendämmung

Fachwerkhaus: Denkmalschutz mit Innendämmung

Moderne Energiekennwerte und gesundes Wohnklima im Einklang mit dem Denkmalschutz – diese Anforderungen wollte Malermeister Claus Schmid bei der Sanierung eines alten Fachwerkhauses miteinander vereinen. Deshalb dämmte er von innen mit einem mineralischen System in Verbindung mit silikatischen und K...

Mut zur Lücke: Urbane Parklösungen

Mut zur Lücke: Urbane Parklösungen

In unseren Städten wird es immer enger. Parkhaussysteme können städtische Nischen optimal und rentabel nutzen: Vollautomatisch und raumsparend ermöglichen sie Mobilität, wo Grund teuer ist und Parkplätze knapp sind. Im urbanen Raum lassen sich Parkhaussysteme selbst in schmale Baulücken einfügen.

Weitere Artikel:
Anzeige AZ-C1-300x250 R7

AZ Newsletter

Ihre E-Mail
 Anmelden  Abmelden

Der Newsletter der AZ/Architekturzeitung ist kostenlos und kann jederzeit unkompliziert abbestellt werden.

Fachwissen | Architekten + Planer

  • Problemzone Wärmebrücke
    Problemzone Wärmebrücke Mit den steigenden Anforderungen an die energetische Qualität von Gebäuden gewinnen Details und damit auch kleine Problemzonen immer mehr an…

Sommerlicher Wärmeschutz: Gebäude planen und simulieren

Sommerlicher Wärmeschutz: Gebäude planen und simulieren

Alles richtig gemacht und der Bauherr ist trotzdem unzufrieden? Wer bei der Planung von Bürogebäuden allein auf das vereinfachte oder auch das simulationsbasierte Nachwei...

Fachwerkhaus: Denkmalschutz mit Innendämmung

Fachwerkhaus: Denkmalschutz mit Innendämmung

Moderne Energiekennwerte und gesundes Wohnklima im Einklang mit dem Denkmalschutz – diese Anforderungen wollte Malermeister Claus Schmid bei der Sanierung eines alten Fac...

Mut zur Lücke: Urbane Parklösungen

Mut zur Lücke: Urbane Parklösungen

In unseren Städten wird es immer enger. Parkhaussysteme können städtische Nischen optimal und rentabel nutzen: Vollautomatisch und raumsparend ermöglichen sie Mobilität, ...

Glas-Sensorschalter: Licht per Fingertipp

Glas-Sensorschalter: Licht per Fingertipp

Bei vielen Schaltern stand bisher die funktionelle Komponente im Vordergrund, während das Design eher als sekundäre Komponente behandelt wurde. Das ändert sich seit einig...

Bodenmaiser Hof: Wellnesshotel mit Gebäudeautomation

Bodenmaiser Hof: Wellnesshotel mit Gebäudeautomation

Nach seinem jüngsten Umbau reiht sich der Bodenmaiser Hof im Bayerischen Wald unter die Top-Wellnesshotels in Deutschland ein. Unter dem Motto »Stylisch Bayerisch« werden...

Neubau der Paulaner Hauptverwaltung auf historischem Areal

Neubau der Paulaner Hauptverwaltung auf historischem Areal

Das ehemalige Werksgelände der Paulaner Bierbrauerei in der Münchner Ohlmüllerstraße wurde durch den Umzug der Produktion nach München-Langwied frei. Paulaner entschloss ...

Objekt mit Kern aus recycelten Materialien und Fassade

Objekt mit Kern aus recycelten Materialien und Fassade

Reduce, Reuse, Recycle – dieser Ansatz hat nun auch die Architektur erreicht. In Dänemark hat das Architekturbüro Een til Een unter Verwendung ausschließlich biologischer...

Warme Kante Abstandhalter

Warme Kante Abstandhalter

Auf der Fensterbau Frontale 2018 werden die Diskussionen rund um Digitalisierung, Fertigungsautomation, innovative Fensterlösungen und natürlich den Dauerbrenner Energiee...

Fensterflügel komplett aus Glas

Fensterflügel komplett aus Glas

Die Clara Fenster AG beginnt das neue Jahr mit einer breit angelegten Produkteinführung. Das rahmenlose Fenster »Clara« transportiert den zentralen Produktvorteil aus Sic...

Leute, Lärm, Licht

Leute, Lärm, Licht

Jeder dritte Deutsche hat Angst, Opfer eines Einbruchs zu werden, besagt eine Studie der GDV.1 Daher wundert es nicht, dass sich immer mehr Menschen für die verschiedenen...

Weitere Artikel:


Anzeigen AZ-D1-300x600 R7

Wenn Sie die AZ/Architekturzeitung lesen, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Datenschutzhinweis.

Dieses Fenster entfernen.