Start Innovation Lichttechnik Beleuchtungskonzept im Industriedenkmal Sayner Hütte

Beleuchtungskonzept im Industriedenkmal Sayner Hütte

http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2017/1707/stiftung-sayner-huette-04.jpg

Sayn oder nicht Sayn? Die Frage stand lange zur Debatte, bevor der Fortbestand der historischen Gießhalle von 1830, die auf eine in den Jahren 1769 bis 1770 gegründete und von 1815 bis 1864 im Besitz des preußischen Staates befindliche Eisenhütte zurückgeht, endgültig geklärt war. Nach mehreren Wechseln der Besitzer, zu denen das Unternehmen Alfried Krupp gehörte, nach unterschiedlichen Nutzungen und Umbauten erfolgte 1927 die Stilllegung und das industrielle Areal mitsamt der Gießhalle war fortan dem Verfall anheim gegeben. 1974 – drei Jahre, nachdem der Halle der Abriss gedroht hatte – kaufte ein benachbarter Unternehmer das Bauwerk und restaurierte es unter wissenschaftlicher Betreuung durch das Landesamt für Denkmalpflege mit hohen Beihilfen des Landes Rheinland-Pfalz und der Bundesrepublik Deutschland. 2004 ging das gesamte Areal wieder an die Stadt Bendorf, welche die Gießhalle nun zwecks kultureller Nutzung erhalten wollte. In demselben Jahr gründeten einige Bürger den gemeinnützigen Verein „Freundeskreis Sayner Hütte“, auf deren Initiative später die gleichnamige Stiftung als heutiger Träger des Industrie-Denkmals gegründet wurde. In den Sanierungsarbeiten von 2012 bis 2015 wurde die historische Hallenkonstruktion aus längs- und quertragenden Korbbogenbindern, die vorwiegend durch Steckverbindungen in den Knotenpunkten auf Säulen aufgelagert sind, ertüchtigt. Zudem wurde auf alle gusseisernen Elemente ein langfristig wirksamer Korrosionsschutz aufgebracht.

http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2017/1707/stiftung-sayner-huette-6555.jpg

Im 19. Jahrhundert war die Sayner Hütte eine der größten und leistungsfähigsten in Preußen. In ihrer historischen Gießhalle entstand neben Rohren, Schienen, Kanonen und Munition für den Ausbau der Koblenzer Festungen seit 1817 auch sogenannter Eisenfein- oder Kunstguss. Im Tiegelgussverfahren wurden Leuchter, Schreibutensilien und filigraner Schmuck produziert. Auch in der Baukunst erwarb die Sayner Hütte eine bis heute anhaltende Reputation, denn sie leitete die Epoche der weit gespannten Tragwerke aus Gusseisen ein, die für den Bau von Brücken, Bahnhofshallen und Industrieanlagen pionierhafte Bedeutung erlangten und selbstverständlich in der eigenen Gießhalle verbaut sind. Sie gilt als das erste große Hallenbauwerk mit freitragender Gusskonstruktion auf dem Kontinent.

http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2017/1707/stiftung-sayner-huette-03.jpg

Wall Washer leuchten das Dach gleichmäßig aus
Dank des Beleuchtungskonzepts hat die Halle in der Bauform einer dreischiffigen Basilika mit erhöhtem Mittelschiff und tageslichtdurchflutetem Obergaden, die sich am Abschluss ihrer mehr als 43 Meter langen Längsausdehnung mit einem beeindruckenden, gläsernen Westportal nach außen öffnet, auch bei Dunkelheit nichts von ihrer Strahlkraft eingebüßt. Wo einst in der Eisenschmelze unterhalb der Dachfläche des Mittelschiffs loderndes Rohmaterial seinen Weg aus dem an die Ostfassade angrenzenden Hochofen in die Produktion nahm, wird der Bereich heute mittels nicht sichtbar montierter Linealuce-Profile mit RGB-LED in Wall-Washer-Optik (iGuzzini) zum Glühen gebracht. Der Rotton der kreuzweise nach oben strahlenden Linearleuchten, die auf den zwei parallel zur Hauptachse laufenden Kranbahnen der Transportstraße aufgebracht sind und das Dach gleichmäßig ausleuchten, orientiert sich an der Farbigkeit der Holzbalken und Ziegel und erzeugt eine Reminiszenz an das verflüssigte, aus dem Hausberg gewonnene Eisenerz. Den jeweiligen Nutzerwünschen entsprechend, sind andere Farbtöne einfach mittels DALI-Steuerung einstellbar.

Die Innenfassade im Osten wird von der hohen Mauerwerkswand des Hochofens gebildet, der die Gießhalle zum Berg hin abschließt. Hier wurde der Leuchtenklassiker Linealuce als Bodeneinbauleuchte verwendet. Die Wandfluter arbeiten die Plastizität der unregelmäßigen Oberflächenstruktur fein heraus und begrenzen die Halle mit einem hellen, besonders homogenen und völlig schattenfreien Fond, der sich gegen das Tragwerk, die vertikalen Säulen und die Kranbahnen aus dunklem Gusseisen abhebt. Nur bei dieser vertikalen Beleuchtungslösung wurde mit Direktlicht gearbeitet. Alle anderen Wände in der Gießhalle werden ausschließlich durch indirektes Licht erhellt.

http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2017/1707/stiftung-sayner-huette-6551.jpg

Warm-weißer Lichtraum und kühles Akzentlicht
Die Innenfassaden und die Dachflächen der beiden Seitenschiffe profitieren von dem reflektierten Licht der rein horizontalen Allgemeinbeleuchtung. Sie wird mit breitstrahlenden Woody-Leuchten (LED) von iGuzzini realisiert, die den dunklen Boden direkt anstrahlen und mit 3.000 Kelvin einen warm-weißen Lichtraum kreieren. Zur Schaffung eines subtilen Lichtfarben-Kontrastes und zugunsten eines guten Fernsicht-Effekts der leicht glimmernden Oberflächen der mehr als sechs Meter hohen gusseisernen Stützen wählten die Planer für deren Akzentbeleuchtung ein kühles Licht, das die Hohlsäulen an zwei Seiten von oben mit enger Abstrahlcharakteristik (Mini Woody) inszeniert. Kühles, engstrahlendes Licht betont auch die auf Kugellagern ruhenden Schwenkkräne und die Fischbauchträger. Im Zusammenspiel mit der funktionalen Allgemeinbeleuchtung verleiht das Akzentlicht dem Raum eine Dramaturgie mit Gewichtung des Mittelschiffs, dessen Spannweite von 7,85 Meter die der Seitenschiffe nur wenig überragt.

Da Eingriffe in die denkmalgeschützte Struktur der Halle und somit auch Bohrungen zur Montage der Leuchten Tabu waren, haben die Planer eine Sonderlösung koordiniert. Die in enger Abstimmung mit den Denkmalbehörden in derselben Farbe wie die gusseisernen Bauteile lackierten Woody Leuchten wurden mittels Spezialverfahren ohne Schrauben an den Kranbahnen befestigt.

Durch die aufwendige Sanierung und das auf die Bauform zugeschnittene Beleuchtungskonzept aus funktionalem Licht für den unteren Hallenraum und Effektlicht für den Dachraum ist das älteste mit Gusseisen konstruierte Hallenbauwerk zu neuem Leben erwacht. Die mittels DALI einzeln und in Gruppen steuerbaren Leuchten, für die unterschiedlichste Szenarien hinterlegt sind, erlauben eine vielfältige Nutzung für das „Historische Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland“ (Bundesingenieurkammer, 2010).

Bauherr: Stadt Bendorf, bendorf.de

Nutzer: Stiftung Sayner Hütte, saynerhuette.org/stiftung

Projektgröße: 1.150 qm

Beleuchtungskonzept: Licht Kunst Licht AG, Johannes Roloff, lichtkunstlicht.com

Leuchten: iGuzzini illuminazione Deutschland GmbH, iGuzzini.com

Zeichnungen von Licht Kunst Licht AG

http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2017/1707/licht-kunst-licht-01.jpg

http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2017/1707/licht-kunst-licht-02.jpg

http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2017/1707/licht-kunst-licht-03.jpg

Eine Fassade aus Null und Eins am King Abdulaziz Center von Snøhetta

Eine Fassade aus Null und Eins am King Abdulaziz Center von Snøhetta

Für das außergewöhnliche Projekt King Abdulaziz Center for World Culture im Herzen der saudi-arabischen Ölfelder setzte der Glasfassadenspezialist seele den Entwurf des Architekturbüros Snøhetta in eine Fassade komplett aus Edelstahlrohren um. Nur durch die Verzahnung von modernsten Informationstech...

Schweizer Botschaft in Nairobi von ro.ma. Architekten

Schweizer Botschaft in Nairobi von ro.ma. Architekten

Die neue Schweizer Botschaft in der Hauptstadt Kenias bettet sich sanft in die Terrainlandschaft ein. Umfassungsmauer und Baukörper verschmelzen zu einem einheitlichen architektonischen Gebilde, das über hohe räumliche, funktionale und nachhaltige Qualitäten, über repräsentativ und zurückhaltend ges...

Hotel Domizil von DIA – Dittel Architekten

Hotel Domizil von DIA – Dittel Architekten

Das Tübinger Hotel Domizil wird von DIA – Dittel Architekten neu gestaltet und saniert. Im Fokus steht eine authentische, moderne Designsprache sowie die Neustrukturierung des Eingangs- und Restaurantbereichs.

Weitere Artikel:

Verwaltungsgebäude der SüdWestStrom von Steimle Architekten

Verwaltungsgebäude der SüdWestStrom von Steimle Architekten

Mit dem Verwaltungsgebäude der SüdWestStrom wird das Ensemble der vorhandenen Technik- und Verwaltungsgebäude der Stadtwerke Tübingen komplettiert. Der Entwurf des Büros Steimle Architekten schafft gleichermaßen die Verbindung zum umliegenden Areal aber auch die kontrastierende Wirkung durch die dur...

glasstec: Individualität in Architektur und Interieur

glasstec: Individualität in Architektur und Interieur

Zur glasstec 2018 in Düsseldorf stellt AGC Interpane viele neue und optimierte Produkte vor, die ganz im Zeichen der Individualität stehen: Sonnenschutzglas mit optimierter Technik und Ästhetik, Aktivglas, das Teile der Fassade farbig leuchten lässt, koloriertes Verbundsicherheitsglas, neue Designgl...

Maersk Tower von C.F. Møller Architects

Maersk Tower von C.F. Møller Architects

Der Maersk Tower von C.F. Møller Architects ist ein hochmodernes Forschungsgebäude, dessen innovative Architektur den optimierten Rahmen für erstklassige Gesundheitsforschung schafft und es zu einem gestalterischen Kontrapunkt in Kopenhagen macht. Das Gebäude verbindet die Universität Kopenhagen mit...

Weitere Artikel:
Anzeige AZ-C1-300x250 R7

AZ Newsletter


Ihre E-Mail
 
   

Senden Sie mir die kostenlosen Nachrichten der AZ/Architekturzeitung per E-Mail zu. Meine Anmeldung erfolgt, nachdem ich die Datenschutzhinweise gelesen haben. Die Nachrichten können Werbung von Dritten enthalten. Mein Einverständnis zum Empfang der Nachrichten kann ich jederzeit widerrufen.

Fachwissen | Architekten + Planer

Verwaltungsgebäude der SüdWestStrom von Steimle Architekten

Verwaltungsgebäude der SüdWestStrom von Steimle Architekten

Mit dem Verwaltungsgebäude der SüdWestStrom wird das Ensemble der vorhandenen Technik- und Verwaltungsgebäude der Stadtwerke Tübingen komplettiert. Der Entwurf des Büros ...

glasstec: Individualität in Architektur und Interieur

glasstec: Individualität in Architektur und Interieur

Zur glasstec 2018 in Düsseldorf stellt AGC Interpane viele neue und optimierte Produkte vor, die ganz im Zeichen der Individualität stehen: Sonnenschutzglas mit optimiert...

Maersk Tower von C.F. Møller Architects

Maersk Tower von C.F. Møller Architects

Der Maersk Tower von C.F. Møller Architects ist ein hochmodernes Forschungsgebäude, dessen innovative Architektur den optimierten Rahmen für erstklassige Gesundheitsforsc...

Restaurierung des alten Gerichtsgebäudes im Andreas Quartier, Düsseldorf

Restaurierung des alten Gerichtsgebäudes im Andreas Quartier, Düsseldorf

Von der ursprünglichen blauen Farbigkeit im Entree des alten Gerichtsgebäudes in Düsseldorf war nicht mehr viel zu sehen. Und auch sonst befanden sich das Gebäudeinnere u...

Innentür mit puristischem Design

Innentür mit puristischem Design

Die Nachfrage nach weißen Innentüren ist ungebrochen. Gleichzeitig steigt das Bedürfnis des Bauherrn nach einem individualisierten Produkt in seinem Zuhause. Die Innentür...

Stadtvilla in Stuttgart von Fuchs Wacker Architekten

Stadtvilla in Stuttgart von Fuchs Wacker Architekten

Die Stadtvilla mit Satteldach liegt in einer reizvollen Höhenlage. Unweit des Zentrums Stuttgarts ist dieses Gebäude eine stille Oase und privater Rückzugsort. In alle Hi...

Handaufmaß war gestern - Laserscanauswertung einer Basilika

Handaufmaß war gestern - Laserscanauswertung einer Basilika

Die in Düsseldorf stehende Pfeilerbasilika St. Margareta - ein architektonisches Meisterwerk Ihrer Zeit - wurde zwischen 1220 bis 1230 als Stiftskirche errichtet. Kunstvo...

Betonage von Betondecken

Betonage von Betondecken

Die Waldkraiburger Primo GmbH hat ein weiteres cleveres Zubehörtool für die Betonage von Betondecken entwickelt, auf den Markt gebracht und zum Patent angemeldet: Mit dem...

Mit Farbe gegen Vergrünung, Algen und Schimmel

Mit Farbe gegen Vergrünung, Algen und Schimmel

Jeder kennt die Sünden der Vergangenheit, als man auf Putzfassaden dicke Farbschichten auftrug, Schimmel und Algen mit giftigen Bioziden fernhalten wollte und sich trotzd...

Laserscannen von Bestandsgebäuden

Laserscannen von Bestandsgebäuden

Architekten, Planer und Ingenieure sind auf maßstabsgerechte Zeichnungen und Modelle angewiesen - sei es für den Umbau, die Neuplanung oder zur Dokumentation bestehender ...

Weitere Artikel:


Anzeigen AZ-D1-300x600 R7

Wenn Sie die AZ/Architekturzeitung lesen, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Datenschutzhinweis.

Dieses Fenster entfernen.