Nur zehn Wochen, um einen neuen Gebäudetyp zu erfinden
Anfang April 2009 wurden die Diplomaufgaben im Fachbereich Architektur für das Sommersemester ausgegeben. Die Studenten können in jedem Semester aus zwei Hochbauaufgaben und einem städtebaulichen Thema wählen.
Unter dem Titel »Unitel – ein neuer Wohnbaustein für die Lichtwiese« stellte das Fachgebiet »Entwerfen und Baugestaltung« von Professor Jo Eisele die Aufgabe, ein Wohngebäude für Studenten und Gäste der Uni auf der Lichtwiese zu entwickeln, dem zweiten Standort der TU Darmstadt.
Die Lichtwiese ist seit den 1960er Jahren als »Hochschule auf der grünen Wiese« in Betrieb. In lockerer Bebauung aus mehreren inselartigen Bauquartieren befinden sich dort die Fachbereiche Architektur, die Institute für Bauingenieurwesen, Maschinenbau, Chemie sowie der Fachbereich Materialwissenschaft. Derzeit ist der Bau eines Hörsaal- und Medienzentrums (»Neue Mitte Campus Lichtwiese«) geplant. Die Waldrandlage und die Einbindung in große Wiesenflächen und Kleingartenanlagen macht die Lichtwiese außerdem zu einem beliebten Freizeitgelände für die Darmstädter.
Das Grundstück des Unitels befindet sich im Westen der 82 Hektar großen Lichtwiese am »Lichtwiesenweg«, der die Straßenbahnhaltestelle mit den Hochschulgebäuden verbindet. Rund 14.000 Quadratmeter standen den Studenten dort zur Bebauung zur Verfügung.
Die Aufgabe sah vor, ein Gebäudekonzept auszuarbeiten, das unterschiedliche temporäre Wohnformen für den Hochschulalltag aufnehmen kann. Vom studentischen Wohnen bis zum Hotelzimmer für den Gastprofessor musste alles möglich sein. Ergänzt durch Hotelnutzungen wie Restaurants und Wellnessbereiche und Räume für Seminare und Workshops sollte ein multifunktionales Gebäude entstehen, in dem Leben und Arbeiten, Gemeinschaft und Individualität gleichzeitig möglich sind. Für dieses vielfältige Wechselspiel musste auch die Struktur des Gebäudes entsprechend flexibel gestaltet sein.
Hintergrund dieser Aufgabe ist der Wunsch, den Standort Lichtwiese zu einem »echten« Campus auszubauen, auf dem gearbeitet und gelebt wird. Universitäten wie in Cambridge oder Oxford stehen hier als Vorbild. Traditionell wird dort studentisches Leben und Lernen kultiviert und gepflegt; einer der Gründe für die hohe Qualität dieser Universitäten, die Studenten, Professoren und Mitarbeiter gleichermaßen schätzen.
Aus diesem Grund war auch die städtebauliche Einbindung des Unitels ein wichtiger Teilaspekt des Diploms, denn aufgrund der exponierten Lage am Lichtwiesenweg sollte das Gebäude den Weg zum Hochschulstandort markieren und so gleichsam als »Fenster zur Lichtwiese« auch Repräsentationszwecken dienen.
Im Fachgebiet von Professor Jo Eisele fanden sich gleich 51 Diplomanden ein, die nun nach vielen Jahren der Pflicht endlich die Kür ihres Studiums, sprich das Diplom, absolvieren wollten. Keine einfache Zeit, die nun anbrechen würde. Denn nur zehn Wochen stehen den Studenten zur Verfügung, um die Diplomarbeit anzufertigen. Zehn Wochen, um Ideen zu sammeln, Konzepte zu entwickeln, Skizzen zu zeichnen und die Ideen anhand von unzähligen Gebäudemodellen und Planzeichnungen zu verifizieren. Vieles wird in dieser Zeit ausprobiert, vieles verworfen, manchmal fängt man in der Hälfte der Zeit noch mal ganz von vorne an, um den für sich passenden Entwurf (hoffentlich) letztendlich zu finden.
Eigentlich müsste man annehmen, die Studenten hätten Routine in dieser Arbeit. Nach zehn bis zwölf Semestern macht man das Prozedere schließlich mehrfach durch. Für einige entspannte Entwerfer trifft das auch sicher zu. Trotzdem kommt es sehr oft vor, dass den Studenten genau in ihrer Abschlussarbeit die Angst vor der eigenen Courage im Weg steht. Viele setzen sich extrem unter Druck, in genau zehn Wochen DIE Idee zu haben und PERFEKT umzusetzen. Obwohl niemand von ihnen perfekte Ergebnisse verlangt!
Ganz im Gegenteil bieten gerade die nicht bis ins kleinste Detail durchgeplanten Entwürfe das größte Potenzial für Fantasien und für das Weiterdenken der Idee. Auch ein wichtiges Kriterium, dem sich die Studenten nach der Abgabe der Diplomarbeit in der Bewertung stellen müssen. Außerdem beurteilt die Prüfungskommission kritisch unter anderem die städtebauliche Einbindung, die Stringenz und Konsequenz, mit der der Diplomand seine Idee im Entwurf umgesetzt hat, die Beziehung der Gebäudebereiche zueinander, die Logik der inneren und äußeren Erschließung und natürlich die architektonische Anmutung, die Gestalt des Gebäudes im Gesamtgefüge.
In diesem Jahr zeigte sich die Kommission beeindruckt von den vielen prägnanten architektonischen Lösungen und vergab so viele Einser wie lange nicht mehr. Die meisten für die Entwerfer des »Unitels« bei Professor Jo Eisele. Die Entwürfe könnten sogar alle realisiert werden, betonte Professor Eisele.
Stellvertretend für die vielen spannenden Lösungen seien hier einige der Entwürfe kurz genannt:
Matthias Jakob orientierte sich an dem Bild eines Schwarzwaldhauses, das der Ursprung des deutschen Gästehauses sei. Das klischeehafte Bild des Schwarzwaldhauses interpretiert er neu, indem er die prägenden Elemente wie die ausgeprägte Dachform übernimmt aber stark verfremdet.
Kerstin Grodde orientiert sich am städtebaulichen Maßstab der Lichtwiese. Streng teilen ihre Grundrisse Hotelnutzung und Studentenwohnen, um sie aber im Atrium, dem pulsierenden Herz des Komplexes, wieder zu einer Gemeinschaft zusammenzufügen.
Für Mateusz Broniarek stand der menschliche Maßstab im Vordergrund seiner Überlegungen. Er entwickelte eine kleinteilige Siedlung mit engen Gassen, kleinen Plätzen, Treffpunkten und Rückzugszonen. Eines hohes Maß der Identifikation der Bewohner mit ihrem Umfeld solle so erreicht werden.
Hoch hinaus möchte Stefan Schäfer, der einen Wohnturm als ideale Unitel-Lösung vorschlägt. Kurze Wege für Gäste und Bewohner sei hier der große Vorteil, ein zentraler Erschließungskern verbinde die Ebenen effektiv miteinander. Schäfer will aber keine anonyme Wohnmaschine schaffen. Ein vernetztes System unterschiedlicher Freiräume, die sich in das Gebäude einschneiden, bietet den Bewohnern zahlreiche Orte für das gemeinschaftliche Zusammenleben und Arbeiten.
Bodil Nordmeyer baut dagegen »Harry und Sally«. So benennt sie zumindest ihren Entwurf, der aus zwei parallele Baukörpern besteht: ein großer Baukörper, aus dem sich ein Volumen herausschiebt, welches das zweite Gebäude formt.
Ein »Freiluftseminar auf der lichten Wiese« entwickelt Yang Zhao. Das dreieckige Grundstück gleiche einem großen Raum, der Bäume als Wände und den Himmel als Decke hat. Diese Atmosphäre sollten Bewohner und Nutzer des Unitels spüren und erleben. Die Gebäude hielten sich sich daher zurück und gäben der Vegetation und dem Außenraum den Vortritt. Studenten und Gäste sollen auf der »lichten Wiese« leben, kommunizieren und arbeiten wie in einem großen Freiluft-Seminarraum als Schauplatz vieler Angebote und Aktivitäten.
Diese Arbeiten sowie fünf weitere der elf besten Diplome für universitäre Wohnformen können noch bis zum 01. Dezember in der Ausstellung im Karo 5 genauer betrachtet werden. Die Ausstellung ist montags bis freitags von 7.30 Uhr bis 22.00 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.















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