Anzeige AZ-A2-970x250 R7
Start Unternehmen AZ Fachwissen VDI-Richtlinie 6017: Der Aufzug als Personenretter im Brandfall

VDI-Richtlinie 6017: Der Aufzug als Personenretter im Brandfall

In Deutschland kommt es mehr als 550-mal am Tag, fast 200.000-mal im Jahr zu einem Brand oder einer Explosion. 2012 kamen dabei 384 Menschen ums Leben, davon 314 in Wohngebäuden. Mehr Sicherheit würden automatische Brandmeldeanlagen schaffen. Sie ermöglichen auch, vorhandene Aufzüge zur Selbstrettung der Bewohner einzusetzen. Dafür macht die neu gefasste VDI-Richtlinie den Weg frei.

Die Neufassung der VDI-Richtlinie 6017 schafft die Bedingungen dafür, Aufzüge in Wohngebäuden zur Selbstrettung der Bewohner einzusetzen. Das ist ein sinnvoller Schritt, um Menschen vor den Folgen von Haus- und Wohnungsbränden zu schützen. Noch gefährlicher als die Flammen sind dabei die Rauchgase, die den Bewohnern oft im Schlaf das Leben kosten. Daher fordern mittlerweile die meisten Bundesländer Brandmelder in Neu- und Bestandsbauten.

http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2015/1505/kone-aufzug-0287.jpg

Die bisherige Situation
Bislang galt: Aufzüge dürfen im Brandfall nicht benutzt werden. Dies ist in den Bauordnungen der Länder so festgelegt. Auf das Nutzungsverbot wird üblicherweise durch einen schlichten Aufkleber (Aufzug im Brandfall nicht benutzen) in Nähe der Schachttüren hingewiesen. Jedoch verfügen die meisten Gebäude über keine Brandmeldeanlage. Im Falle eines Brandes ist der Aufzug weiter in Betrieb – trotz Verbot.

Etwas anders sieht es aus, wenn eine automatische Brandfallsteuerung vorhanden ist. Dann soll der Aufzug die Nutzer so schnell wie möglich zu einer sicheren Haltestelle fahren, bevor er stillgesetzt wird. So empfiehlt es die VDI-Richtlinie 6017 über die Steuerung der Anlagen im Brandfall. Die Richtlinie will verhindern, dass Menschen mittels Aufzug in einen Gefahrenbereich gelangen oder aufgrund eines Stromausfalls in der Kabine eingeschlossen werden, was die Arbeit der Feuerwehr unnötig erschweren würde.

Aufzüge können Leben retten
Im August 2014 erschien die Neufassung der VDI-Richtlinie. Darin berücksichtigen die Experten die technischen Fortschritte, die in den vergangenen Jahren insbesondere bei der Weiterentwicklung der Brandmeldetechnik erzielt wurden. Dazu flossen auch die Erfahrungen der Feuerwehren mit der Entwicklung und Ausbreitung von Bränden in die Novelle ein.

So halten es die Experten nicht mehr generell für sinnvoll, den Aufzug so schnell wie möglich stillzulegen. Solange das Brandgeschehen nicht kritisch ist, kann der Aufzug helfen, Personen – vor allem solche eingeschränkter Mobilität – sicher und schnell aus dem Gebäude zu befördern und damit die Feuerwehr bei der Evakuierung zu entlasten.

Entsprechend will die Richtlinie aufzeigen, unter welchen Bedingungen der Aufzugbetrieb über den Zeitpunkt der Brandmeldung hinaus zur Selbstrettung der Bewohner verlängert werden kann. Dafür ist die Definition des kritischen bzw. unkritischen Brandereignisses von entscheidender Bedeutung. Damit ergänzt die Richtlinie die Norm DIN EN 81-73, in der die schnelle Stillsetzung der Anlage verlangt wird.

Informationen entscheiden
Wichtigste Bedingung, die die Richtlinie vorgibt: Das Gebäude benötigt eine automatische Brandmeldeanlage nach DIN 14675 (Kategorie 1) und DIN-VDE 0833-2, deren Signal die Fahrt des Aufzugs in die Evakuierungshaltestelle auslöst.

http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2015/1505/kone-aufzug-9565.jpg

Dabei muss die Brandmeldeanlage das gesamte Gebäude und die wichtigsten Kabelwege erfassen, um eine genaue Lokalisierung des Brandes zu ermöglichen. Nur dann ist sichergestellt, dass die Anlage nicht wegen Stromausfall stecken bleibt, dass sie aber sofort stillgelegt wird, wenn der Brand ein kritisches Ausmaß erreicht.

Bricht beispielsweise in einem Wohnzimmer ein Feuer aus, erlaubt die Lokalisierung des Brandherdes die Fortsetzung des Aufzugbetriebs. Erst wenn weitere Detektoren anschlagen, weil das Feuer dem Aufzug gefährlich nahe kommt, fährt die Kabine in die Evakuierungshaltestelle und wird dort festgesetzt.

Eine andere kritische Situation ist die zeitnahe Auslösung mehrerer räumlich getrennter Rauchmelder: Das Feuer breitet sich in diesem Fall extrem schnell aus. Da die Bewohner das Gebäude dann nicht mehr sicher über den Aufzug verlassen können, wird er stillgelegt.

Die Beispiele zeigen: Die normgerechte Auslegung der Brandmeldeanlage allein kann über die Verlängerung der Betriebszeit des Aufzugs nicht entscheiden. Weitere Aspekte sind zu berücksichtigen:
1. Ergänzende Nutzung des Wohngebäudes, z.B. durch Arztpraxen und Pflegeeinrichtungen
2. Beschaffung der Gebäudestruktur, insbesondere die Lage der Rettungswege
3. Anordnung der Aufzüge innerhalb des Gebäudes bzw. zu den Rettungswegen
4. Ausführung der Aufzüge, z.B. Personen-, Lasten- oder Panoramaaufzüge oder Anlagen nach Maschinenrichtlinie
5. Szenarien der Brandentwicklung
6. Anzahl der Aufzugnutzer unter Berücksichtigung ihrer Mobilität und ihrer Ortskenntnisse
7. Mutmaßliches Verhalten der Nutzer im Brandfall

Entsprechend verlangt die neugefasste Richtlinie, unter Umständen bauliche Änderungen vorzunehmen. Sie sollen sicherstellen, dass der Aufzug bei einem »unkritischen Brandereignis« weiter betrieben werden kann. So müssen die Wände des Aufzugsvorraums feuerhemmend von den Wohneinheiten abgetrennt sein. Der Zugang zum Vorraum muss mindestens mit einer Rauchschutztür geschützt werden. Wichtig ist auch die Lage des Vorraums in unmittelbarer Nähe einer Treppe.

http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2015/1505/kone-aufzug-feuerwehr.jpg

Abstimmung aller Beteiligten
Die Bewertung der Brandsituation kann also nicht pauschal getroffen werden. Sie ist letztlich von der konkreten Situation und dem darauf fußenden Brandschutzkonzept abhängig. Darin werden Lage und Zahl der Brandabschnitte festgelegt. Zugleich werden die Bedingungen bestimmt, unter denen die Anlage stillgelegt werden muss.

In dem Konzept, das zwischen Planern, Betreibern und Behörden abzustimmen ist, wird auch festgelegt, welche Art der Brandfallsteuerung zum Einsatz kommt. Meist reicht eine statische Steuerung aus: Sie fährt den Aufzug im kritischen Brandfall in die definierte Evakuierungshaltestelle – üblicherweise das Erdgeschoss – und legt sie dort still.

Gegebenenfalls kann eine erweiterte statische, also teildynamische Brandfallsteuerung sinnvoll sein: Ist das Erdgeschoss verraucht, fährt der Aufzug eine alternative Haltestelle an. Doch auch eine dynamische Steuerung ist möglich: Dabei kann jeder Halt zur Evakuierung genutzt werden.
Der Aufwand lohnt: Experten schätzen, dass durch eine ausgefeilte Brandmeldeanlage – in Kombination mit der entsprechenden Brandfallsteuerung – der Aufzug nach Auslösen des ersten Feuermelders im Gebäude bis zu 15 Minuten weiterbetrieben werden kann. Das ist ganz erheblich, bedenkt man, dass ein typischer Aufzug, wie er in einem fünf- oder sechsgeschossigen Bau eingesetzt wird, innerhalb dieser Zeitspanne mindestens 15 Fahrten oder mehr schafft.
Wertvolle Zeit gewinnen

Der Ansatz, den Aufzug nach Auslösen der Brandmeldung zur Personenrettung einzusetzen, findet sich auch andernorts. Immer Voraussetzung sind entsprechende Sicherheitseinrichtungen: Je umfangreicher sie ausfallen, desto länger kann der Aufzug im Brandfall genutzt werden, wie der folgende Überblick zeigt.

Am Anfang stehen die Aufzüge nach der geänderten VDI-Richtlinie 6017, die den bedingten Weiterbetrieb zur Evakuierung der Bewohner erlaubt. In kritischeren Situationen sollen – in größeren Gebäuden – sogenannte Rettungsaufzüge eingesetzt werden, wie sie der Normentwurf prEN 81-76 definiert. Noch länger laufen die technisch entsprechend ausgerüsteten Feuerwehraufzüge, deren Nutzung aber den Rettungskräften vorbehalten ist.

http://www.architekturzeitung.com/azbilder/2015/1505/kone-thomas-lipphardt.jpg

Der Autor

Thomas Lipphardt betreut bei KONE Deutschland den Bereich Normen und Technische Regelwerke.

Der 53-jährige Maschinenbauingenieur ist Mitglied verschiedener Richtlinienausschüsse von DIN und VDI.

 

Eine Fassade aus Null und Eins am King Abdulaziz Center von Snøhetta

Eine Fassade aus Null und Eins am King Abdulaziz Center von Snøhetta

Für das außergewöhnliche Projekt King Abdulaziz Center for World Culture im Herzen der saudi-arabischen Ölfelder setzte der Glasfassadenspezialist seele den Entwurf des Architekturbüros Snøhetta in eine Fassade komplett aus Edelstahlrohren um. Nur durch die Verzahnung von modernsten Informationstech...

Schweizer Botschaft in Nairobi von ro.ma. Architekten

Schweizer Botschaft in Nairobi von ro.ma. Architekten

Die neue Schweizer Botschaft in der Hauptstadt Kenias bettet sich sanft in die Terrainlandschaft ein. Umfassungsmauer und Baukörper verschmelzen zu einem einheitlichen architektonischen Gebilde, das über hohe räumliche, funktionale und nachhaltige Qualitäten, über repräsentativ und zurückhaltend ges...

Hotel Domizil von DIA – Dittel Architekten

Hotel Domizil von DIA – Dittel Architekten

Das Tübinger Hotel Domizil wird von DIA – Dittel Architekten neu gestaltet und saniert. Im Fokus steht eine authentische, moderne Designsprache sowie die Neustrukturierung des Eingangs- und Restaurantbereichs.

Weitere Artikel:

Trinkwasserhygiene bei überdimensionierter Installation

Trinkwasserhygiene bei überdimensionierter Installation

Das Bezirksamt Berlin-Neukölln hat die Gefahr in der rund 22 Jahre alten Dreifeldsporthalle im Werner-Seelenbinder-Sportpark rechtzeitig erkannt: Durch lange und groß dimensionierte  Rohrleitungen und veränderte Nutzungsgewohnheiten in den Sanitärbereichen besteht erhöhte Verkeimungsgefahr für ...

Alles andere als oberflächlich!

Alles andere als oberflächlich!

Lange Zeit galt Putz als altmodisch und wurde häufig nur als B-Variante der möglichen Gestaltungsoptionen gesehen. Innovative Gebäudeinterpretationen plante man vorwiegend in anderen Werkstoffen. Warum? Vermutlich werden Putzfassaden allgemein als etwas Tradiertes und Solides wahrgenommen und stehen...

Asymmetrische Ziegel-Architektur

Asymmetrische Ziegel-Architektur

Baukörper, bei denen fast jede Ecke anders ist, sind eine Seltenheit. Eine davon findet sich mit dem Neubau des Forschungszentrums für Systembiologie der Otto-von-Guericke-Universität seit Oktober 2016 in Magdeburg. In dem viergeschossigen Gebäude arbeiten rund 180 Mitarbeiter und Wissenschaftler au...

Weitere Artikel:
Anzeige AZ-C1-300x250 R7

AZ Newsletter


Ihre E-Mail
 
   

Senden Sie mir die kostenlosen Nachrichten der AZ/Architekturzeitung per E-Mail zu. Meine Anmeldung erfolgt, nachdem ich die Datenschutzhinweise gelesen haben. Die Nachrichten können Werbung von Dritten enthalten. Mein Einverständnis zum Empfang der Nachrichten kann ich jederzeit widerrufen.

Fachwissen | Architekten + Planer

  • Tragwerke mit Nagelplattenbindern
    Tragwerke mit Nagelplattenbindern Nagelplattenbinder bilden das Gerüst des Dachtragwerks und bieten sich zur Verwirklichung selbst extrem komplexer Architekturen an. Sie sind als Bauteile…

Trinkwasserhygiene bei überdimensionierter Installation

Trinkwasserhygiene bei überdimensionierter Installation

Das Bezirksamt Berlin-Neukölln hat die Gefahr in der rund 22 Jahre alten Dreifeldsporthalle im Werner-Seelenbinder-Sportpark rechtzeitig erkannt: Durch lange und groß dim...

Alles andere als oberflächlich!

Alles andere als oberflächlich!

Lange Zeit galt Putz als altmodisch und wurde häufig nur als B-Variante der möglichen Gestaltungsoptionen gesehen. Innovative Gebäudeinterpretationen plante man vorwiegen...

Asymmetrische Ziegel-Architektur

Asymmetrische Ziegel-Architektur

Baukörper, bei denen fast jede Ecke anders ist, sind eine Seltenheit. Eine davon findet sich mit dem Neubau des Forschungszentrums für Systembiologie der Otto-von-Guerick...

Gebäudeschutz durch fachgerechte Gebäudedränung

Gebäudeschutz durch fachgerechte Gebäudedränung

Die Gebäudehülle ist permanent und über die gesamte Nutzungsdauer zahlreichen Belastungen ausgesetzt; im Bereich von erdberührten Bauteilen ist hier vor allem das Wasser ...

Entkalkung eines Dusch-WC

Entkalkung eines Dusch-WC

In Deutschland liegt die Wasserhärte aufgrund des erhöhten Kalkgehalts durchschnittlich im harten Bereich. Daher müssen Dusch-WCs genauso wie andere Haushaltsgeräte einer...

Siemens Konzernzentrale: Showroom für moderne Glastechnologie

Siemens Konzernzentrale: Showroom für moderne Glastechnologie

Für die Glasfassade des nachhaltigen Leuchtturmprojektes in München wurden 7.000 Quadratmeter UNIGLAS SUN Isolierglaseinheiten mit Super Spacer Abstandhalter sowie 1.000 ...

Dezentrale Lüftungsanlage im Einfamilienhaus

Dezentrale Lüftungsanlage im Einfamilienhaus

Das eigene Haus zu planen und zu bauen bringt viele Entscheidungen mit sich. Familie Lorenz hat ihr Projekt vollendet und genießt nun den Komfort ihres Eigenheims. Als Ar...

Universitätsneubau an geschichtsträchtigem Ort von Erick van Egeraat

Universitätsneubau an geschichtsträchtigem Ort von Erick van Egeraat

Am Augustusplatz in Leipzig wurde im Dezember 2017 ein architektonisch herausragender Gebäudekomplex fertiggestellt. Er setzt sich aus dem Neuen Paulinum (Aula und Univer...

Künstlerische Neugestaltung der Pfarrkirche St. Dionysius in Elsen

Künstlerische Neugestaltung der Pfarrkirche St. Dionysius in Elsen

Zeitgemäße Neuausmalung oder Konservierung des Bestands? Vor dieser Entscheidung stand die Gemeinde der römisch-katholischen Pfarrkirche St. Dionysius in Elsen, einem Sta...

Neuer Service für Architekten: Coating on Demand

Neuer Service für Architekten: Coating on Demand

Mit dem neuen Service »Coating on Demand« (CoD) ermöglicht AGC Interpane Architekten jetzt die Entwicklung einzigartiger Verglasungen, die exakt auf die Anforderungen von...

Weitere Artikel:


Anzeigen AZ-D1-300x600 R7

Wenn Sie die AZ/Architekturzeitung lesen, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Datenschutzhinweis.

Dieses Fenster entfernen.