Manche Gebäude flüstern, andere sprechen – das IKMZ in Cottbus aber erhebt die Stimme. Seit seiner Eröffnung Anfang der 2000er-Jahre prägt der markante Bau der Architekten Herzog & de Meuron nicht nur das Stadtbild, sondern den architektonischen Diskurs weit über Brandenburg hinaus. Mit seiner organisch geschwungenen Hülle, den räumlich durchkomponierten Innenwelten und dem Verzicht auf orthogonale Beliebigkeit hat das Informations-, Kommunikations- und Medienzentrum Maßstäbe gesetzt – als Baukunst, als Statement, als geistiger Ort.
Seit dem Frühjahr 2025 steht das IKMZ unter Denkmalschutz. Ein längst überfälliger Schritt, der die künstlerische, städtebauliche und historische Bedeutung dieses Ausnahmewerks würdigt. Doch anstatt Stolz zu empfinden, dominieren nun Stimmen, die von „Designproblemen“ sprechen, von „unpraktischen Möbeln“, von einer „Überhöhung des Objekts“. Architektur als Störfaktor? Man reibt sich die Augen.
Nutzungsoptimierung kontra Baukunst?
Die Studierendenschaft der BTU Cottbus-Senftenberg sieht im IKMZ primär einen funktionalen Ort. Dass sich Arbeitsweisen ändern, ist unbestritten. Doch die Forderung, das Gebäude müsse sich vollständig diesen neuen Anforderungen unterordnen, verkennt das Wesen guter Architektur. Es ist gerade das Spannungsfeld zwischen Nutzung und Idee, in dem große Bauwerke ihre Kraft entfalten. Wer das IKMZ heute auf pragmatische Möbelkritik reduziert, versteht es nicht – und beraubt sich selbst seines kulturellen Fundaments.
Design ist hier nicht Dekor, sondern Teil eines ganzheitlichen Raumkonzepts. Jede Kurve, jede Farbe, jeder Übergang ist bewusst gesetzt. Die berühmten Leselampen etwa, vielfach kritisiert, sind Ausdruck einer Zeit, in der Lesen noch nicht allein Bildschirmarbeit war. Dass sich die Nutzung wandelt, ist legitim – doch Wandel braucht Maß, nicht Radiergummi.

Foto: Kläber
Architektonische Erinnerungskultur
Jörg J. Kühn, ehemaliger Prorektor der BTU und zentraler Akteur beim Entstehen des IKMZ, erinnert an den steinigen Weg, der zur Realisierung führte. Widerstände auf Landesebene, Misstrauen gegenüber innovativer Formensprache – und doch wurde gebaut. Und wie. Das IKMZ war nie ein Konsensbau, sondern ein Manifest. Dass es heute unter Denkmalschutz steht, ist nicht Versteinerung, sondern Schutz vor Beliebigkeit.
In Zeiten der Nachhaltigkeitsdebatte wird der Bestand zur Ressource – auch kulturell. Wer Bestand nur unter Effizienzgesichtspunkten betrachtet, verliert den Blick für seinen ideellen Wert. Das IKMZ ist kein Funktionscontainer, sondern gebauter Freiraum für Denken, Lehren, Lernen. Dass dabei nicht jeder Tisch eine Dockingstation bietet, ist kein Mangel, sondern Anlass zur Reflexion: Was erwarten wir von unseren Bildungsräumen?
Hoffnung auf einen architektonisch fundierten Dialog
Immerhin: Mit der Gründung einer neuen Kommission, in der unter anderem das Büro Herzog & de Meuron stimmberechtigt vertreten ist, zeichnet sich ein vorsichtiges Umdenken ab. Der Schutz der gestalterischen Integrität wird ernst genommen. Das Vetorecht der Architekten ist kein Machtinstrument, sondern eine notwendige Bremse gegen vorschnelle Eingriffe.
Die Kommission könnte zum Modellfall werden. Wenn es gelingt, die Expertise der Entwerfenden mit den Bedarfen der Nutzenden zu verbinden, ohne das architektonische Erbe zu beschädigen, wäre viel gewonnen – nicht nur für Cottbus. Denn vergleichbare Konflikte stehen an vielen Orten bevor: Zwischen Digitalisierung und Bestand, zwischen Gebrauch und Bedeutung, zwischen Denkmal und Alltag.
Den Geist des Ortes nicht verraten
Der Fall des IKMZ zeigt, wie fragil das Verhältnis zur eigenen Baukultur geworden ist. Zwischen touristischer Kulisse und funktionaler Kritik scheint der Respekt vor der architektonischen Idee zu verschwinden. Doch ein Denkmal ist kein Museum, sondern lebendiger Teil der Gegenwart. Das IKMZ hat das Zeug, diese Verbindung zu leben – wenn man es lässt.
Es braucht Mut, den Charakter eines Bauwerks zu bewahren, selbst wenn dieser quer zum Zeitgeist steht. Es braucht Disziplin, nicht jedem kurzfristigen Nutzungswunsch architektonische Substanz zu opfern. Und es braucht Verständnis: dafür, dass Gebäude wie das IKMZ nicht beliebig anpassbar sind, sondern Identität stiften – für eine Universität, eine Stadt, eine ganze Region.
Was heute auf dem Spiel steht, ist nicht die Platzierung einer Theke oder die Anzahl an Steckdosen. Es geht um Haltung. Um das Bekenntnis, dass Architektur mehr sein darf als Kulisse. Und dass man sie nicht verstehen muss, um von ihr zu profitieren – man muss sie nur ernst nehmen.