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Di, Mär

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Salinarium Bad Dürkheim von 4a Architekten

Projekte (d)

Bad Dürkheim hat diese Mischung aus Kurstadt-Gelassenheit und Volksfest-Temperament, die man nicht planen kann. Ein paar Schritte vom Kurpark entfernt, dort wo der Alltag zwischen Wurstmarktplatz, Grünanlagen und Schwimmhalle hin- und herpendelt, steht das Salinarium – lange eher als Zweckbau wahrgenommen, als Ort fürs Bahnenziehen, Rutschenlärm und sommerliche Freibadrituale. Jetzt ist ein zweites Programm dazugekommen: Therme und Sauna. Und damit die Frage, die bei solchen Eingriffen immer mitschwingt: Wird aus einem gewachsenen Ensemble plötzlich ein Flickenteppich – oder entsteht etwas, das sich anfühlt, als hätte es schon immer darauf gewartet?

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4a Architekten haben sich für die riskantere, weil subtilere Variante entschieden. Keine brachiale Zäsur, kein „Schaut her, Neu gebaut!“, sondern ein Weiterbauen, das den Bestand ernst nimmt und ihn zugleich architektonisch neu rahmt. Der Betrieb lief währenddessen weiter – was in der Theorie gern „herausfordernd“ heißt und in der Praxis meist bedeutet: jeder Arbeitsschritt unter Beobachtung, jeder Anschluss ein kleines Vabanquespiel.

Ein Eingang, der nicht schreit – aber Haltung zeigt

Der neue Auftakt ist ein Eingangsbereich mit weit auskragendem Dach. Er wirkt wie eine Geste, die man eher spürt als erklärt bekommt: schützend, offen, einladend – und endlich eindeutig als Adresse lesbar. Das Salinarium bekommt damit ein zeitgemäßes Gesicht, ohne geschniegelt zu wirken. Interessant ist dabei weniger die Form selbst als ihre Wirkung im Stadtraum: Wo vorher vieles nebeneinander herlief, entsteht ein Moment von Ordnung. Man kommt an.

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Unmittelbar danach docken der neue Umkleidebereich und ein langer Erschließungsgang an, der zur Therme führt. Dieser Gang ist mehr als bloße Verbindung. Er zieht eine Linie vom zentralen Eingang am Wurstmarktplatz bis zum rückwärtig liegenden Thermenbereich und übersetzt Distanz in Erfahrung. Unterwegs öffnen sich Einblicke in die Freizeitbadehalle – das Lebendige bleibt sichtbar, während man schon gedanklich den Gang runterfährt.

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„Wellengang“: Kunst als Temperaturwechsel

Damit aus dem Weg kein langer Atemtest wird, erhielt die Künstlerin Ricarda Mieth den Auftrag zur Gestaltung. Ihre Arbeit „Wellengang“ begleitet die Badegäste Richtung Therme und markiert den Übergang vom lauten, bewegten Badebetrieb in eine Zone, die auf Ruhe setzt. Man könnte das als Inszenierung bezeichnen, aber eigentlich ist es eher ein fein gesetzter Temperaturwechsel im Kopf: Hier endet das Planschen, dort beginnt das Ausatmen. Und ja, ein Gang darf das – wenn er nicht nur durchschleust, sondern vorbereitet.

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Raumorganisation: Kurven statt Kommandos

Der Thermenbereich selbst arbeitet mit geschwungenen Formen. Das klingt schnell nach Wellness-Klischee, ist hier aber vor allem ein Orientierungsinstrument: Fließende Raumfolgen ersetzen harte Korridore, Wege ergeben sich eher intuitiv als über Schilderwald. Der Neubau gliedert sich über drei Ebenen. Im Erdgeschoss öffnet sich das Badeangebot nach innen und außen, während sich die Saunalandschaft als vertikale Raumsequenz durch alle Geschosse zieht – wie ein Weg nach oben, der immer wieder neue Themenräume anbietet, ohne sich aufzudrängen.

Auch die Aufenthaltsqualitäten sind sauber verteilt: unten ein Restaurant, darüber eine Kaminlounge, weiter oben großzügige Liegebereiche mit Blick auf Park und Stadt. Man merkt: Hier wurde nicht einfach ein Sauna-Add-on an ein Freizeitbad gehängt, sondern ein eigener Kosmos gebaut, der unterschiedliche Tagesstimmungen zulässt. Und weil Thermen selten am schönsten sind, wenn man ausschließlich drinnen bleibt, öffnen sich alle Ebenen ins Freie. Saunagarten mit Außensauna, ein an die Thermalhalle angeschlossener Außenbereich und eine Dachterrasse binden Außenräume ein – nicht als Alibi, sondern als Teil des Rituals.

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Material und Licht: gedämpfter Klang, robuste Grammatik

Gestalterisch setzt die neue Therme bewusst auf einen ruhigeren, klassischeren Ton als das Freizeitbad. Die Innenräume tragen warme Materialien: Holzlamellen, Feinsteinzeug, keramische Beläge in gedeckten Farben. Selbst die Becken sind grau gefliest – eine Entscheidung, die dem Wasser eine ruhigere, fast mineralische Anmutung gibt. Das wirkt wertig, manchmal sogar ein bisschen streng, aber genau darin liegt die Zeitlosigkeit: weniger Effekt, mehr Dauer.

Die Lichtplanung ist dabei nicht Dekoration, sondern Teil der Architektur. Grundlicht bleibt zurückhaltend, während präzise gesetzte Lichtlinien Kanten betonen, Zonen ordnen und Wege lesbar machen. Wer schon einmal in einer Therme stand und sich gefragt hat, ob er jetzt links zur Ruhezone oder rechts zur nächsten Hitzeetappe abbiegen soll, weiß: Orientierung ist hier kein Nebenthema.

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Fassade im Rieslington: Regionale Anspielung ohne Trachtenjagd

Außen greifen die Planer ein Motiv der Region auf, ohne in Folklore zu kippen. Die Farbgebung orientiert sich an der goldenen Tönung eines gereiften Rieslings – ein Bild, das in Bad Dürkheim fast automatisch funktioniert, weil Wein hier nicht Kulisse, sondern Alltag ist. Umlaufende Fassadenbänder fassen den Thermenbereich zusammen und machen zugleich den Dialog zwischen Bestand und Neubau ablesbar. Das ist wichtig, weil es ehrlich bleibt: Alt und Neu werden nicht verkleidet, sondern bewusst nebeneinandergestellt.

Weiterbauen im laufenden Betrieb: Respekt als Bauprinzip

Der Umbau unter laufendem Badebetrieb verlangte Präzision – und eine gewisse Demut vor dem Bestand. Die Trennung zwischen Alt und Neu bleibt klar erkennbar. Das schützt vor dem typischen Fehler solcher Projekte, bei dem alles so tun soll, als sei es aus einem Guss, und am Ende sieht man gerade deshalb jede Naht. Hier dagegen wird Vertrautes bewahrt, das Neue darf eigenständig auftreten. Im Übergangsbereich wurden Bestandsfassaden saniert und ins Gesamtkonzept eingebunden, ohne dass der Bestand zum musealen Objekt erklärt würde.

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Konstruktiv setzt der Neubau auf langlebige Lösungen und reduzierte, robuste Materialität: Holz, Sichtbeton, keramische Beläge. Großzügige, raumhohe Verglasungen holen Tageslicht in die Innenräume und stärken die Verbindung nach außen – ein Gewinn, solange Details und Betrieb das im Griff behalten. Glas ist bekanntlich großzügig, aber nicht nachsichtig.

Nachhaltigkeit: Nicht neu erfinden, sondern klug weiterdenken

Das Projekt zeigt exemplarisch, warum Weiterbauen mehr ist als ein moralischer Reflex. Bestandsgebäude speichern graue Energie, sind Teil des städtischen Gedächtnisses und sparen – ganz banal – Ressourcen, wenn man sie nicht abräumt. Das Freizeitbad wurde daher nicht ersetzt, sondern gezielt weiterentwickelt: Die vorhandene Struktur bildet das Rückgrat für eine neue Therme, die Angebot und Nutzung erweitert.

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Zum Energie- und Gebäudekonzept zählen nach Angaben der Architekten eine hochwertige Gebäudehülle mit optimierten Dämmwerten und luftdichten Anschlüssen, um Wärmeverluste zu senken. Lüftungsanlagen mit hoher Wärmerückgewinnung, bedarfsgerechte Steuerungen sowie Beckenabdeckungen sollen den Energiebedarf im Betrieb drücken. Die Wärmeversorgung erfolgt über Fernwärme. Dazu kommen Photovoltaikflächen an Fassade und Dach, extensive Gründächer für Regenrückhalt, Mikroklima und Schutz der Dachflächen. Auch die technische Infrastruktur ist auf Dauerbetrieb getrimmt: getrennte Badewasserkreisläufe, Wärmerückgewinnung aus Prozesswasser, ein stagnationsfreies Trinkwassersystem und eine zentrale Gebäudeleittechnik, die nicht spektakulär aussieht, aber den Alltag eines solchen Hauses erst möglich macht.

Ein Ensemble, das wieder zusammenliest

Am Ende bleibt ein Eindruck, der in der Architektur oft schwerer zu erreichen ist als jede ikonische Form: Das Salinarium wirkt als Ensemble stimmiger. Der Neubau ordnet, beruhigt, ergänzt – und nimmt dem Bestand nicht die Geschichte, sondern gibt ihm eine neue Gegenwart. Vielleicht ist das die eigentliche Qualität dieser Erweiterung: Sie tut nicht so, als sei Wellness eine Erfindung von gestern. Sie baut einen Ort, der die Stadt kennt – und trotzdem etwas Neues erzählt.

Projektinformationen

Standort: Salinarium Bad Dürkheim, Kurbrunnenstraße 28, 67098 Bad Dürkheim
Bauherr: Stadtwerke Bad Dürkheim GmbH
Betreiber: Stadtwerke Bad Dürkheim GmbH
Architekt: 4a Architekten GmbH, Hallstraße 25, 70376 Stuttgart
Planung: Anke Pfudel-Tillmanns (Projektleitung), Catalina Valderamma, Tim Döringer
Ausschreibung: Sylvia Gmelin Bauleitung: Olaf Feierabend, Daniel Hauptmann
Landschaftsarchitekt: L.A.U.B. – Ingenieurgesellschaft mbH
Projektsteuerung: Tribast Projektmanagement
Tragwerksplanung: sbp se schlaich bergermann partner
Bauphysik: KURZ und FISCHER GmbH
Brandschutz: Ingenieurbüro STÜMPERT-STRUNK GmbH
HLS: Kannewischer Ingenieurgesellschaft mbH
Elektroplanung: planungsbüro für elektrotechnik gmbh alexander müller
Lichtplanung: LICHT KUNST LICHT AG
Kunst am Bau: Ricarda Mieth, Berlin

Bauzeit 05/2021 bis 07/2025
BGF 7.957 m²
BRI 36.716 m³
LpH 1 bis 8
Gesamtwasserfläche 366 m²

Badeangebot: Warm-Außenbecken Freizeitbad, Warm-Außenbecken Therme, Thermal-Innenbecken, Sprudelbecken, Heiß-/Kalt-Becken, Soleintensiv-Becken
Beckenattraktionen: Massagedüsen, Sprudelliegen, Nackenduschen, Wasserstrudel, Bodensprudler, Strömungskanal
Sauna-Attraktionen: 2 Dampfbäder, Biosauna, Babbelsauna, Panoramasauna, Außensauna, Tauchbecken, Fußwärmebecken
Besonderheiten Sole-Ruheraum mit Mini-Gradierwerk

 

Fotos: Uwe Ditz, Stuttgart


Für die Innenräume des Lufthansa Training & Conference Centers in Seeheim-Jugenheim war es wichtig, eine harmonische Mischung aus Gestaltung und Funktion zu schaffen. Foto: Drum GmbH & Co. KG, Waldmohr

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