23
Mai

Interview mit dem Architekturfotografen Sven Fennema

Design Kunst

Bahnhof Guillemins, Belgien

Verlassene Orte, sogenannte lost places, moderne Bauwerke, aber auch außergewöhnliche Innenansichten stehen im Fokus des Fotografen Sven Fennema. Einen Teil seiner Bilder zeigten wir vor wenigen Tagen: Link zum Artikel »Realität ist Ansichtssache«. Wir sprachen mit dem Fotografen Sven Fennema über seine Arbeit.

Bankenviertel, Frankfurt

Rolf Mauer: Wie fanden Sie zur Fotografie?

Sven Fennema: Begonnen hat alles im Jahre 2007, Fotomontagen waren damals ein Hobby von mir. Um hierfür hochwertige Stock-Fotos zu machen legte ich mir meine erste digitale Spiegelreflexkamera zu. Schon nach kurzer Zeit merkte ich, dass die Fotografie an sich mich weit mehr faszinierte und in ihren Bann zog. Innerhalb von kurzer Zeit befasste ich mich intensiv mit der Technik und verbrachte fast meine gesamte Freizeit mit meiner neuen Passion. Meine Erfahrung in der Bildbearbeitung ergänzt dies natürlich perfekt. Mit steigender Nachfrage und Erfolg entschied ich mich 2010 meine eigene Firma zu gründen und bin seitdem auch selbstständig tätig.

Rolf Mauer: Wie ist Ihr Arbeitsprozess? Wie entstehen Ihre Werke?

Sven Fennema: Zunächst nehme ich mir die Zeit einen Ort in Ruhe auf mich wirken zu lassen. So entstehen in meinem Kopf die ersten Ansätze für die Motivwahl und Bildkompositionen. Ich bevorzuge grundsätzlich eine kleine aber dafür wohlüberlegte Anzahl von Bildern. Der Ausschnitt meiner Bilder ist sehr durchdacht und die genaue Ausrichtung ist mir sehr wichtig. Daher arbeite ich z.B. auch mit einer Wasserwaage um in der Nachbearbeitung hier nicht mehr eingreifen zu müssen. Da ich ausschließlich mit natürlichem Licht arbeite sind fast alle Bilder auf einem Stativ entstanden. Ein Motiv fotografiere ich dann in verschiedenen Belichtungen die ich später in der Nachbearbeitung von Hand ineinander arbeite. Auf diese Weise kann ich das Motiv nach meinem Eindruck, meiner Sichtweise und Vorstellung zum endgültigen und stimmigen Bild formen.

Bürokomplex in Frankreich

Rolf Mauer: Arbeiten Sie analog oder digital?

Sven Fennema: Ich habe für mich den digitalen Weg gewählt. Zum Großteil liegt dies an meiner Arbeitsweise mit den verschiedenen Belichtungen. Mich faszinieren aber beide Arten, vor allem die im Großformat und ich betrachte auch gerne beide Arten der Fotografie. Zudem würde die großformatige Fotografie mich für meine Thematik auch oft logistisch vor große Herausforderungen stellen.

Rolf Mauer: Was ist Ihrer Meinung nach charakteristisch für Ihre Arbeit?

Sven Fennema: Das Licht und die Lebendigkeit. Das Spiel und die Charakteristik der natürlichen Lichtstimmung ist für mich ein sehr zentraler Punkt. Ich nehme das Erlebte mit und forme es später im Bild neu, mit Licht und Schatten. Mir ist sehr wichtig, trotz der »toten Materie« meine Bilder zum Leben zu erwecken und Geschichten erzählen zu lassen, obwohl in den Bildern eigentlich kein Leben zu sehen ist.

Rolf Mauer: Wie – und wo – finden Sie die Motive und Themen, an denen Sie arbeiten?

Sven Fennema: Der Schwerpunkt meiner freien Arbeiten sind verlassene Orte, die ich quer durch Europa finde. Am liebsten reise ich nach Italien. Es gibt hier sehr viel alte, wunderschöne und faszinierende Bauwerke und der Respekt und die Unversehrtheit ist hier besonders ausgeprägt. Anders als z.B. im Osten Deutschland und Europas wo man leider auf enormen Vandalismus stößt. Ich verbringe sehr viel Zeit mit Recherchen in Archiven, Zeitungen und auf Satellitenkarten bevor ich mich auf die Reise begebe. Die Planung und Vorbereitung nimmt meist mehr Zeit in Anspruch als die Reise an sich. Bei den modernen Motiven ist das deutlich einfacher. Hier halte ich mich durch das Internet, Nachrichten oder auch Magazine auf dem neuesten Stand und bin ständig auf der Suche nach interessanten Objekten die es bereits gibt oder gerade entstehen. Alles was mir interessant erscheint wird erst einmal notiert, denn leider kann man gar nicht so viel reisen wie es interessante Motive gibt.
Gerade die Konvertierung von bestehenden Objekten kann auch sehr spannend sein für mich, vor allem wenn es möglich ist dies vorher und nachher zu fotografieren.

Art Déco Festsaal, Frankreich

Rolf Mauer: Warum beschäftigen Sie sich mit Architekturformen? Was interessiert Sie daran?

Sven Fennema: Ein großes Interesse dafür hatte ich bereits vor der Fotografie, Architektur hat so viele Facetten, sowohl in der Historie als auch in der Moderne. Sie prägt Kulturen und ihre Geschichte und ist oft eine Ausdrucksform dieser. All dies finde ich unglaublich spannend, natürlich auch die Entstehung oder die Faszination wie manche Gebäude überhaupt in der Realität möglich sind. Jede Epoche ist da auf ihre eigene Weise faszinierend. Man könnte hier als Beispiel die unglaublichen Tempel von Angkor nennen und in der heutigen Zeit Bauwerke wie das Burj Khalifa in Dubai. So unterschiedlich der Vergleich auch ist: Beide faszinieren bis an den Rand der menschlichen Vorstellungskraft.

Rolf Mauer: Was bedeutet Architektur für Sie?

Sven Fennema: (Besondere) Architektur ist für mich auch eine Art von Kunst und ich sehe sie als Ausdrucksform. Sie erzählt ihre eigenen Geschichten und besitzt einen ganz individuellen und häufig unglaublich facettenreichen Charakter. Gerade wenn man moderne und historische Architektur gegenüberstellt. Sie fasziniert mich immer wieder aufs Neue, daher beginne ich auch nie sofort zu fotografieren. Ich lasse sie erst einmal lange auf mich wirken. Außerdem brauche ich eine gewisse Ruhe, diese strömt Architektur auf mich aus.

Hafen City, Marco Polo Tower, Hamburg

Rolf Mauer: Beschäftigen Sie sich dabei auch mit der Intention der Architekten?

Sven Fennema: Das kommt immer darauf an, ob dies noch im Bereich des Möglichen ist. Gerade bei den vergessenen Bauwerken ist es nicht immer einfach etwas über die Hintergründe herauszufinden. Ich mache mich im Vorfeld zwar nicht auf die Suche nach allen Details, beschäftige mich aber viel mit den Bauwerken und ihren Erschaffern. Dabei steht manchmal eher die umliegende Geschichte im Vordergrund, manchmal das Bauwerk an sich. Nach meinem Besuch informiere ich mich noch detaillierter, was natürlich auch Einfluss auf meine spätere Präsentation nehmen kann.

Rolf Mauer: Versuchen Sie ein Gebäude so zu sehen wie es der Architekt sieht, oder steht die eigene Interpretation im Mittelpunkt?

Sven Fennema: Bei einer Auftragsarbeit richtet sich meine Herangehensweise nach den Vorstellungen des Architekten bzw. des Auftraggebers. Daher lege ich auch großen Wert auf Vorgespräche und lasse mir seine Arbeit aus seinen Augen vorstellen. Hierbei stellt sich heraus, worauf bei den Fotos der besondere Fokus liegen wird. Bei meinen freien Arbeiten arbeite ich nach meinen eigenen Interpretationen, Sichtweisen und Emotionen.

Philharmonie, Luxemburg

Rolf Mauer: Warum fotografieren Sie eigentlich verlassene Orte?

Sven Fennema: Ich bin schon als Jugendlicher gerne in Industrieruinen des Ruhrgebiets unterwegs gewesen, damals jedoch ausschließlich auf Enddeckungsreise. Mit der Fotografie bin ich sozusagen dahin zurückgekehrt. Es ist die Geschichte dieser Orte die mich in den Bann ziehen. Die Mauern erzählen viel und ich liebe die "Erforschung" dieser oft Jahrzehnte verlassenen Orte. Außerdem liebe ich die Stille und die Stimmung die in ihnen herrscht. Das mag so mancher sich kaum vorstellen, aber oft taucht man wirklich in eine andere Welt ein mit ihren eigenen Gesetzen. Es ist als wäre man abgeschirmt von der schnellen und hektischen Welt und sieht wie die Natur sich ihren Teil zurückerobert. In Gebäuden, wo viele Menschen nur den Verfall und eine Tristesse sehen, finde ich eine eigene Art von Schönheit. Diese Schönheit einzufangen, für immer festzuhalten und anderen zu ermöglichen diese ebenfalls zu erleben… das ist es was ich mit meinen Bildern zum Vorschein bringen möchte.

Rolf Mauer: Ihre Rauminszenierungen sind immer menschenleer. Warum?

Sven Fennema: In meinen Bildern geht es ausschließlich um den Ort und seine Geschichte, dies ist was ich mit meinen Bildern erzählen möchte. Personen würden den Fokus komplett verrücken und das ganze Konzept würde seine Richtung verändern.

Rolf Mauer: Haben Sie Vorbilder, Einflüsse – zum seriellen Malen, zur Abstraktion?

Sven Fennema: Ich habe keine direkten Vorbilder, aber selbstverständlich gibt es viele Einflüsse die mich indirekt inspirieren. Mir war immer wichtig mich möglichst frei zu entfalten und meine individuelle Sicht in den Mittelpunkt zu stellen. Ich bin generell ein sehr neugieriger und interessierter Mensch, so können mich auch fremde Einflüsse inspirieren, wie z.B. ganze andere Arten der Fotografie wie z.B. Landscape- und Streetfotografie. Aber auch Architekten an sich, Calatrava ist einer meiner absoluten Lieblingsarchitekten der heutigen Zeit.

Rolf Mauer: Woran arbeiten Sie aktuell?

Sven Fennema: Derzeit arbeite ich vor allem an meinem nächsten Bildband, der einen Querschnitt meiner Werke über vergessene Orte der letzten Jahre zeigen wird. Es wird ein Hardcover Band im A4 Format. Ein genaues Erscheinungsdatum wird allerdings noch nicht genannt.

Rolf Mauer: Wo können wir in der nächsten Zeit Arbeiten von Ihnen sehen?

Sven Fennema: Neben dem Bildband und Aufträgen für Cover Artworks bin ich nach meiner aktuellen Ausstellung »Poetry of Yesteryear« in Italien derzeit bereits in Planung für kommende Ausstellungen. Genaueres teile ich immer zeitnah auf meiner Internetseite www.sven-fennema.de mit. Regelmäßiges Vorbeischauen lohnt sich also.

Rolf Mauer: Herr Fennema, vielen Dank für das Gespräch.

Castello di Sammezzano, Italien 


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