„Das Schwierigste war, dem Bild das Display auszutreiben.“ Der Satz von Christopher Colshorn trifft ziemlich genau den Punkt, an dem APHEUM interessant wird. Denn eigentlich ist längst alles da: hochauflösende Displays, gigantische Bildarchive, Smartphones mit erstaunlichen Kameras und mehr Fotografien, als irgendein Mensch betrachten könnte. Was fehlt, ist ausgerechnet das, was die Technik immer versprochen hat: Aufmerksamkeit.
Der APHEUM Frame setzt deshalb auf eine eigentümliche Form des technischen Rückzugs. Er leuchtet nicht, sondern reflektiert das Licht des Raumes. Er will kein Bildschirm sein, obwohl in ihm digitale Technik arbeitet. Und er wechselt Bilder, ohne sich wie ein ständig aktualisiertes Display aufzuführen. Schwarzweiß-Fotografie erscheint auf E-Paper, gerahmt wie ein klassischer Abzug – mit dem Anspruch, zwischen tiefem Schwarz, hellem Weiß und den Grautönen dazwischen jene materielle Ruhe zurückzugewinnen, die im Scrollen meist als Erstes verloren geht.

Foto: Apheum
Damit berührt das Projekt eine größere Frage als die nach einem neuen digitalen Bilderrahmen: Was geschieht mit Fotografie, wenn technisch jederzeit alles verfügbar ist, aber kaum noch etwas lange genug sichtbar bleibt? APHEUM antwortet darauf mit Kuratierung, langen Bildfolgen und einem bemerkenswert analogen Vokabular: Dauer, Rahmung, Kontext, Präsenz. Zum Programm gehören Kunstfotografie, historische Bildbestände und private Aufnahmen; mit MAGNUM PHOTOS hat das Unternehmen dafür einen prominenten Partner gewonnen. Gleichzeitig soll die Plattform Fotografen und Rechteinhabern neue Möglichkeiten eröffnen, ihre Arbeiten digital zu veröffentlichen und wirtschaftlich zu nutzen.
Im Gespräch erklärt APHEUM-Gründer Christopher Colshorn, warum ein digitales Bild für ihn Licht reflektieren statt aussenden sollte, weshalb Technik im gebauten Raum möglichst unsichtbar werden muss und warum zwischen einem Magnum-Motiv und einem privaten Erinnerungsfoto trotz aller Unterschiede eine überraschende Verwandtschaft besteht. Es geht um Tonwerte. Um Zeit. Um Aufmerksamkeit. Und damit um die Frage, ob ausgerechnet digitale Technik der Fotografie etwas zurückgeben kann, das die digitale Bilderflut ihr genommen hat.
Hinter APHEUM steht Christopher Colshorn, Gründer und Geschäftsführer des Unternehmens. Er bewegt sich dort an einer Schnittstelle, die schnell nach Branchensprache klingt und im Kern doch ziemlich konkret ist: Kunst, Gestaltung und Technologie sollen so zusammenfinden, dass digitale Bilder nicht bloß ausgespielt, sondern inszeniert, kuratiert und räumlich ernst genommen werden. Colshorn verantwortet Strategie, Konzeption und Innovation, arbeitet an Positionierung und Marke und entwickelt Partnerschaften sowie kuratierte Inhalte für unterschiedliche Anwendungsfelder. Kurz gesagt: Er beschäftigt sich mit der Frage, wie aus digitaler Verfügbarkeit wieder fotografische Präsenz werden kann.

Foto: Angelika Grossmann
INTERVIEW
Architekturzeitung: Was war der Moment, in dem klar wurde: Fotografie braucht im digitalen Raum ein anderes Medium als den klassischen Bildschirm?
Christopher Colshorn: Es war kein einzelner Geistesblitz, sondern eine Irritation, die sich über Jahre verdichtet hat. Ich habe großartige Fotografien gesehen und sie dann auf Bildschirmen wiedergefunden, die leuchten und ständig mit anderen Inhalten um Aufmerksamkeit konkurrieren. Natürlich haben diese Displays ihre Berechtigung. Für die dauerhafte und konzentrierte Betrachtung einer Fotografie sind sie aus meiner Sicht jedoch nicht immer das richtige Medium.
Ein gedruckter Abzug nimmt das Licht des Raumes auf. Ein klassisches Display sendet Licht aus. Das verändert das Verhältnis zwischen Bild, Raum und Betrachter grundlegend.
E-Paper war als Technologie bereits vorhanden, für eine anspruchsvolle fotografische Darstellung aber noch nicht weit genug entwickelt. Unser Ziel war es deshalb, eine Technologie zu schaffen, die die Wirkung eines hochwertigen Prints auf digitalem Papier ermöglicht. Die Fotografie sollte ruhig, materiell und selbstverständlich im Raum erscheinen, ohne auf die Möglichkeiten moderner Technologie verzichten zu müssen.
Erst als die Ergebnisse nicht nur uns, sondern auch Fotografen und Fachleute überzeugten, wussten wir: Hier entsteht eine eigenständige Lösung.
Von Beginn an gehörte für mich noch ein zweiter Gedanke dazu. Für viele Fotografen gibt es bislang kaum überzeugende Möglichkeiten, mit der Präsentation ihrer Arbeiten über digitale Plattformen nachhaltig Geld zu verdienen. Wir wollen deshalb nicht nur ein neues Medium schaffen, sondern auch eine Plattform, die neue Veröffentlichungs- und Erlösmodelle für Fotografen ermöglicht.
Architekturzeitung: APHEUM will digitale Bilder wie gedruckte Fotokunst wirken lassen. Welche Reaktion wünschen Sie sich, wenn jemand zum ersten Mal vor dem Frame steht?
Christopher Colshorn: Im Idealfall tritt jemand näher, weil er zunächst nicht sicher ist, ob er einen klassischen Print oder ein Bild auf digitalem Papier vor sich hat. Wenn sich das Motiv dann verändert, entsteht ein Moment echten Erstaunens.
Genau dieser Augenblick macht die Idee von APHEUM sichtbar. Die Fotografie besitzt die Ruhe und Präsenz eines gerahmten Prints und verbindet sie gleichzeitig mit den Möglichkeiten moderner Technologie.
Danach wünsche ich mir vor allem eines: dass der Mensch vor dem Bild bleibt. Dass er nicht sofort weiterschaltet, sondern verweilt, Details entdeckt und versucht, die Fotografie zu ergründen. Wenn der Frame nicht zuerst als technisches Gerät wahrgenommen wird, sondern das Bild im Vordergrund steht, haben wir unsere Aufgabe erfüllt.

Foto: Apheum
Architekturzeitung: Was kann Schwarz-Weiß-Fotografie auf einem ruhigen E-Paper-Frame leisten, was auf Smartphone, Tablet oder Monitor oft verloren geht?
Christopher Colshorn: Schwarz-Weiß lebt von Tonwerten und von allem, was zwischen tiefem Schwarz und hellem Weiß passiert. Gerade in diesen feinen Übergängen entscheidet sich, ob eine Fotografie Tiefe und Präsenz entwickelt.
Leuchtende Displays können Fotografien wiedergeben. Ihre Wirkung bleibt jedoch von der Hintergrundbeleuchtung geprägt. E-Paper reflektiert dagegen das vorhandene Licht, ähnlich wie Papier. Dadurch entsteht eine ruhigere und materiellere Wahrnehmung. Die Halbtöne wirken körperlicher und die Fotografie fügt sich anders in den Raum ein.
Für mich geht es deshalb nicht darum, andere Bildschirme grundsätzlich abzulehnen. Es geht darum, für eine Fotografie, die dauerhaft betrachtet werden soll, ein Medium zu schaffen, das ihrer Ruhe und Tiefe entspricht. Gleichzeitig eröffnet das digitale Papier Möglichkeiten, die ein klassischer Print nicht bieten kann.
Architekturzeitung: Mit Deep Grayscale setzen Sie stark auf Tonwerte, Tiefe und Reduktion. Was war technisch die größte Herausforderung, damit digitale Fotografie nicht nach Display aussieht?
Christopher Colshorn: Das Schwierigste war, dem Bild das Display auszutreiben. Eine Fotografie soll auf dem Frame nicht vorrangig nach Pixeln oder Technik aussehen, sondern eine materielle und fotografisch glaubwürdige Wirkung entwickeln.
Dafür arbeiten wir sehr präzise an den Tonwertübergängen. Gerade in dunklen Bereichen, in feinen Verläufen oder bei sehr differenzierten Oberflächen erkennt das Auge schnell, ob ein Bild homogen wirkt oder ob die Technik zu stark sichtbar wird.
Es ist eine Gratwanderung zwischen Reduktion und Tiefe. Es muss genug Information erhalten bleiben, damit der Charakter einer Arbeit nicht verloren geht. Gleichzeitig muss die ruhige Anmutung des Mediums bewahrt werden.
Die Herausforderung besteht nicht darin, ein Bild einfach auf einer technischen Anzeige auszugeben. Wir müssen verstehen, wie unterschiedliche Fotografien auf digitalem Papier reagieren und wie sie für diese Form der Darstellung übersetzt werden müssen.
Architekturzeitung: Sie verbinden Kunstfotografie, Erinnerungskultur und private Bilder. Warum passen diese drei Welten aus Ihrer Sicht so gut zusammen?
Christopher Colshorn: Ihnen liegt etwas Gemeinsames zugrunde: Es sind Bilder, die Aufmerksamkeit verdienen und eine Geschichte in sich tragen.
Eine Fotografie von Magnum, ein historisches Dokument oder das Bild eines Menschen, der einem persönlich etwas bedeutet, haben natürlich unterschiedliche Ursprünge. Aber sie alle können im schnellen Strom von Bildern auf Smartphones, Plattformen und in sozialen Medien untergehen.
Wir möchten ihnen wieder einen bewussten Platz geben. Sie sollen im Raum präsent sein, über längere Zeit sichtbar bleiben und mit ihrem jeweiligen Kontext verbunden werden.
Dabei behandle ich ein privates Bild nicht als weniger bedeutend als ein Werk der Kunstfotografie. Seine Bedeutung entsteht auf eine andere Weise, durch persönliche Beziehung, Erinnerung und Erfahrung. APHEUM soll beiden Formen gerecht werden. Es geht um Bilder, die nicht nur gespeichert, sondern gesehen und bewahrt werden sollen.
Architekturzeitung: Die Kooperation mit MAGNUM PHOTOS bringt ikonische Fotografien in ein neues Format. Welche Chancen eröffnet das für Menschen, die sonst kaum Zugang zu kuratierten Fotoarbeiten haben?
Christopher Colshorn: Kuratierte Fotografie war lange stark an bestimmte Orte und Budgets gebunden: an Museen, Galerien, Sammlungen oder limitierte Editionen. Mit Magnum Photos können wir bedeutende Arbeiten in private und halböffentliche Räume bringen, ohne sie zu bloßer Dekoration zu machen.
Entscheidend ist für uns auch der Kontext. Zu den Bildern gehören Informationen darüber, wer sie aufgenommen hat, in welcher Situation sie entstanden sind und warum sie fotografisch oder historisch relevant sind. Diese Informationen können einfach per E-Mail oder über einen QR-Code abgerufen werden.
Dadurch wird der Zugang nicht nur räumlich, sondern auch inhaltlich geöffnet. Man sieht nicht lediglich ein Motiv, sondern kann auch die Geschichte dahinter verstehen.
Magnum ist für uns ein wichtiger Partner und zugleich der Beginn eines breiteren kuratierten Programms. Weitere Kollektionen werden folgen, darunter Axl Jansens Falco-Kollektion „Out of the Dark“ sowie Arbeiten von Alfred Ehrhardt.
Für Fotografen und Rechteinhaber entsteht zugleich eine neue Form der Veröffentlichung über eine digitale Plattform. Die Plattform und der Frame gehören deshalb untrennbar zusammen. Die Plattform schafft Zugang, Kontext und ein Erlösmodell. Der hochwertige Frame gibt den Arbeiten einen angemessenen physischen Ort und die Präsenz eines gerahmten Prints.
Architekturzeitung: APHEUM denkt Bildprogramme über längere Zeiträume. Wie verändert sich das Verhältnis zu Bildern, wenn sie nicht schnell durchgescrollt, sondern bewusst im Raum platziert werden?
Christopher Colshorn: Ein Bild, das wir im Vorbeiscrollen sehen, existiert häufig nur für wenige Sekunden. Ein bewusst platziertes Bild begleitet uns dagegen über Tage oder Wochen. Dadurch verändert sich die Beziehung grundlegend.
Man entdeckt Details, die beim ersten Sehen verborgen geblieben sind. Man kehrt zu einer Fotografie zurück und nimmt sie möglicherweise anders wahr, weil sich auch die eigene Stimmung oder Perspektive verändert hat.
Deshalb denken wir Bildprogramme in längeren Bögen, eher wie eine Ausstellung, die sich schrittweise entfaltet, als wie einen ständig wechselnden Bilderstrom. Es geht nicht um möglichst viele Motive, sondern um eine Beziehung zu einzelnen Bildern. Und Beziehung braucht Zeit.

Foto: Apheum
Architekturzeitung: Gerade Hotels, Offices, Praxen oder kulturelle Räume suchen nach Atmosphäre ohne Bildschirm-Unruhe. Welche Räume könnten durch APHEUM besonders gewinnen?
Christopher Colshorn: APHEUM eignet sich überall dort, wo Bilder eine Atmosphäre schaffen sollen, ohne dass ein klassischer Bildschirm den Raum dominiert. Das beginnt im eigenen Zuhause, wo ein gerahmtes Bild Teil der persönlichen Umgebung und Erinnerung ist – die eigentliche Stärke im professionellen Kontext liegt aber im gebauten Raum.
Für Architektur und Innenarchitektur ist entscheidend, dass sich die gezeigte Fotografie verändern kann, während das Objekt selbst ruhig und dauerhaft im Raum bleibt. Der Frame verbindet damit die Beständigkeit eines gerahmten Bildes mit der Flexibilität, ein Bildprogramm zu kuratieren und über die Zeit weiterzuentwickeln – ohne Transport, Handling oder logistischen Aufwand für wechselnde Hängungen.
Daraus ergeben sich Anwendungen, die über das einzelne Bild hinausgehen. In Hotels, im Premium-Retail oder in Unternehmensräumen lässt sich über mehrere Standorte hinweg ein einheitliches, hochwertiges visuelles Erscheinungsbild schaffen – kuratierte Fotografie statt Werbung. In Museen und Galerien eröffnen sich digitale Editionen und wechselnde Präsentationen. In Praxen, Kanzleien und Lounges trägt der Frame zu einer ruhigen Atmosphäre bei und vermittelt Haltung über die Bildsprache.
Wichtig ist mir dabei, dass sich die Technologie nicht in den Vordergrund drängt. Sie soll sich in den Raum integrieren – idealerweise von der Planung her mitgedacht – und es der Fotografie ermöglichen, präsent zu sein, ohne permanent um Aufmerksamkeit zu ringen.

Foto: Apheum
Architekturzeitung: Der Frame wird mit HALBE in Deutschland gefertigt. Wie wichtig ist diese handwerkliche Rahmungsqualität für das Versprechen, dass digitale Kunst dauerhaft wirken kann?
Christopher Colshorn: Die Rahmung hat eine sehr große Bedeutung, weil sie ein Versprechen von Dauerhaftigkeit vermittelt. Ein Bild, das über längere Zeit wirken soll, braucht eine Fassung, die diese Wertigkeit auch materiell zum Ausdruck bringt.
Die handwerkliche Qualität der in Deutschland gefertigten Rahmen von HALBE steht für Präzision und Beständigkeit. Sie bildet einen bewussten Gegenpol zur Schnelllebigkeit vieler technischer Produkte.
Der Rahmen nimmt der Technologie das Flüchtige. Noch bevor man sich mit ihrer Funktionsweise beschäftigt, signalisiert er: Dieses Bild ist dafür gemacht, im Raum zu bleiben.
Die Verbindung von digitalem Papier, moderner Technologie und handwerklicher Rahmung ist deshalb kein äußerliches Detail. Sie ist ein wesentlicher Teil des Konzepts. Erst dadurch wird aus einer technischen Anzeige ein eigenständiges Bildobjekt.
Architekturzeitung: Wenn APHEUM in fünf Jahren selbstverständlich in hochwertigen Räumen hängt: Was hätte sich dann im Umgang mit digitaler Fotografie verändert?
Christopher Colshorn: Wenn wir in fünf Jahren zurückblicken, wäre für mich entscheidend, dass Fotografie auf digitalem Papier einen selbstverständlichen und angemessenen Ort gefunden hat.
Bilder würden nicht mehr ausschließlich als flüchtige Inhalte behandelt, die in einem Feed auftauchen und kurz darauf wieder verschwinden. Sie könnten über längere Zeit im Raum präsent sein, mit ihrem Kontext und ihrer Geschichte. Menschen würden einzelne Fotografien wieder bewusster auswählen, betrachten und verstehen.
Gleichzeitig wünsche ich mir, dass für Fotografen ein relevanter neuer Markt entstanden ist. Fotografische Arbeiten und Archive sollen nicht nur sichtbar werden. Sie sollen ihren Urhebern auch nachhaltige Einnahmen ermöglichen.
APHEUM bringt dafür zwei Dinge zusammen: eine digitale Plattform, die Fotografie kuratiert, vermittelt und wirtschaftlich nutzbar macht, und hochwertige Frames mit digitalem Papier, die ihr eine ruhige und materielle Präsenz im Raum geben. Das eine funktioniert für uns nicht ohne das andere.
Wenn uns das gelingt, hätten wir nicht nur ein neues Produkt geschaffen. Wir hätten dazu beigetragen, dass Fotografie mithilfe moderner Technologie anders veröffentlicht, anders erlebt und neu wertgeschätzt wird.