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Aug

Architekten und der Brexit

Erik Behrens, Creative Director, leitet die Entwurfsabteilung des Londoner Büros des amerikanischen Weltmarktführers AECOM

Menschen

 

Das britische Durcheinander um den Brexit hinterlässt in vielen Wirtschaftszweigen erhebliche Unsicherheit. Auch für deutsche Architekten in Großbritannien ändern sich die Arbeitsbedingungen. Aber niemand weiß, was sich ändern wird. Die Briten schweigen sich aus und mittlerweile kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die britische Regierungsmannschaft den „richtigen“ Brexit selbst nicht definieren kann.

Den deutschen Architekten Erik Behrens zog es bereits sehr früh in seiner Karriere ins Ausland. 2002 war er für das Avantgarde Buero MADA s.p.a.m. und Rem Koolhaas in China tätig bevor er 2006 nach Großbritannien siedelte.

London hatte gerade die Bewerbung fuer die Olympischen Spiele gewonnen und einen großen Bedarf an hoch motivierten, gut ausgebildeten Talenten aus den benachbarten EU Ländern um die rasante Stadtentwicklung mitzugestalten. Heute trägt Erik Behrens den Titel Creative Director und leitet die Entwurfsabteilung des Londoner Büros des amerikanischen Weltmarktführers AECOM, die Großbaustellen in England, den USA, Canada und an der Golf-Küste verantworten. Behrens arbeitet für britische, arabische und amerikanische Bauherren, ebenso wie für den kürzlich verstorbenen Karl Lagerfeld.

Wir sprachen mit Erik Behrens über die Auswirkungen des Brexit für Architekten und deren planerische Tätigkeit.

Rolf Mauer: Seit das Vereinigte Königreich „leave“ gewählt hat, steht viel für das Vereinigte Königreich und auch für die EU auf dem Spiel. Die Finanzkrise haben wir alle unter Schmerzen überwunden, doch was wird ein „no-deal“ oder „EU-Austritt“ für London und die englische und europäische Architekturszene bedeuten?

Erik Behrens: Die bekannten Namen der kreativen Szene haben sich bereits öffentlich zu Wort gemeldet. Vor allem David Chipperfield machte in seinem Brexit Memorandum an die RIBA, also die Königlich Britische Architektenkammer, seine Besorgnis kund. Er betonte die akute Gefahr, nicht mehr an Europäischen Wettbewerben teilnehmen zu dürfen und erinnerte an die Konsequenzen für Baunormen und Gesetze. Vor allem aber brachte er die Verantwortung für die vielen Ausländer in seinem Londoner Büro klar zum Ausdruck. Er fordert Klarheit über die Zukunft des kulturellen Austauschs, über Ausbildung, Forschung und auch dem Austauschprogramm für Erasmus-Studenten. Kulturelle Vielfalt und Talente haben London doch so einzigartig gemacht, ebenso wie die dort ansässigen Büros. Dies könnte nun alles auf dem Spiel stehen.

Rolf Mauer: Haben sich seit dem Referendum im Juni 2016 schon einige Veränderungen bemerkbar gemacht?

Erik Behrens: Einige meiner europäischen Kollegen sind bereits wieder in ihre Heimat zurückgekehrt. Die Unsicherheit macht vielen zu schaffen. Es gibt aber auch Neuankömmlinge, die noch schnell nach London kommen, in der Hoffnung, dass sie auch nach einem Austritt aus der EU ein Bleiberecht bekommen. Wir haben letzte Woche gerade einen ehemaligen Mitarbeiter vom Büro Fuksas und Partner aus Rom eingestellt.

Rolf Mauer: Diese Unsicherheit wirkt sich doch sicherlich auch auf Ihre Projekte und die gesamte Baubranche aus?

Erik Behrens: Noch sind auf Londons Baustellen mehr Kräne in Benutzung als in jeder anderen europäischen Stadt. Es wird also immer noch kräftig gebaut. Doch macht sich die Zurückhaltung der Investoren und die Sparmaßnahmen der Regierung bereits bemerkbar. Billionen an englischen Pfund sind bereits aus institutionellen Fonds abgezogen worden. Internationale Investoren wollen zunächst erstmal abwarten.
Die Sparmaßnahmen der Regierung machen sich langsam aber sicher bemerkbar. Unsere Arbeit an der Umnutzung des Eurostar Terminal von Nicholas Grimshaw ist bereits deutlich von den knappen Mitteln gekennzeichnet. Aus dem ursprünglich großen Umbau und Sanierungsprojekt wurde ein kostengünstigeres Bauvorhaben und alles musste schnell passieren. Zwar ist das Glasdach nun erstmals sichtbar von der Bahnhofshalle durch die neue Brückenverbindung zu den Bahnsteigen, doch die eigentliche Sanierung des weltberühmten Glasdachs oder eine Reinigung sind auf Weiteres aufgeschoben.

Rolf Mauer: Lässt sich denn angesichts der zunehmend chaotischeren Zustände eine Prognose stellen?

Erik Behrens: Die Abstimmungen im Unterhaus gehen weiter. Bis zum 29. Maerz sollte es mehr Klarheit geben. Die Aussicht auf ein ‘No deal’ Szenario ist allerdings besorgniserregend. Bauunternehmer und Projektsteuerer befürchten im Falle eines ‘no-deals’ signifikante Bauverzögerungen und eine Eskalation der Kosten. Die Londoner Großbaustellen werden doch beliefert von den anrainenden europäischen Ländern. Hunderte von Lastwagen rollen jeden Tag über die Grenze mit Fertigbauteilen. Die „lean production“ der Baubranche gleicht der Automobilbau und Flugzeugindustrie.
Auch für die vielen europäischen Bauarbeiter besteht Unsicherheit, deren Bleiberecht und Arbeitserlaubnis auf dem Spiel steht. Für viele ist die abgewertete Währung bereits von Nachteil, viele spielen mit dem Gedanken anderswo tätig zu werden.

Rolf Mauer: Wie haben sich die Architekten positioniert?

Erik Behrens: Alle haben bereits ihre Befürchtungen kundgetan. Über 100 weltberühmte Londoner Architekten und Designer haben ein Brexit Design Manifest unterzeichnet und ihre Forderungen an die Regierung gestellt. Sie wollen ganz klar alles dafür tun London auch nach einem Austritt aus der EU als Welthauptstadt des Designs zu erhalten. Schließlich ist der Sektor mit einem Umsatz von GDP 71.7 Billionen (1.37 Milliarden Euro) an Gütern und Serviceleistungen im Jahr und über 1.5 Millionen Beschäftigten einer der am schnellsten wachsenden innerhalb der „Creative Industry“.
Bleiben Investoren weiterhin fern und wird der Zugang zum Europäischen Markt verschlossen, bleiben nur noch Großaufträge in der Ferne als Alternative. Hoffnung besteht auch, dass die Regierung mit öffentlichen Mitteln die wirtschaftlichen Folgen eines Austritts abfedern wird und neue Bauvorhaben ankurbelt.

Rolf Mauer: Wie wirkt sich das alles auf den Büroalltag aus?

Erik Behrens: Ganz nach der Britischen Devise ‘Keep calm and carry on’ geht für viele erstmal der Alltag weiter, während sich die Politiker weiter über die Zukunft des Landes die Köpfe zerbrechen. Bisher war das Reisen für mich mit e-gates und fast tracks immer sehr einfach. Das könnte sich nach dem Austritt aus der EU bald alles ändern. VISA und Warteschlangen an der britischen Passkontrolle könnten ganz schnell zu meinem neuen Alltag werden.

Rolf Mauer: Erik Behrens, vielen Dank für das Gespräch.


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