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Apr

Interview mit Ben van Berkel

Menschen

Nicht erst seit der Corona-Krise ist klar: Weltweit müssen sich Städte der Globalisierungs- und Digitalisierungsgeschwindigkeit anpassen. Allerdings treiben die Pandemie gepaart mit einem zunehmenden Ruf nach mehr Nachhaltigkeit und höherer Lebensqualität viele städtebauliche Entwicklungen an.

Gerade der Wohnbereich ist dabei aktuell im Fokus. Muss er doch plötzlich auch als Office, Kita und Schule dienen. Der niederländische Architekt und Mitgründer des Büros UNStudio Amsterdam Ben van Berkel hat für solche Entwicklungen schon vor Corona nach Lösungen gesucht und in dem Münchner Projektentwickler Bauwerk einen vorwärts gerichteten Partner gefunden. Gemeinsam haben sie das Wohnbauprojekt Van B entwickelt, das derzeit in München entsteht, und Lösungen bietet, die den Wohnraum multifunktional nutzbar machen. Wir haben mit Ben van Berkel über neue Anforderungen im Städtebau, die niederländische Wohnkultur und den Baumhauscharakter von Van B gesprochen.

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Ben van Berkel. Bildquelle: Els Zweerink


 

Interview mit Ben van Berkel

Architekturzeitung: Herr van Berkel, als Architekt beschäftigen Sie sich seit Jahrzehnten mit der Entwicklung von globalen Zukunftsstädten. Wie müssen Großstädte in Zukunft gestaltet werden, um lebenswert zu sein?

Ben van Berkel: Städte sind immer die Summe unterschiedlicher Bestandteile, die miteinander in Einklang gebracht werden müssen. Die Zukunft jedoch stellt neue Anforderungen – was neue Formen der Flexibilität betrifft, die Verdichtung von Lebensraum sowie das zukünftige Wachstum. Dazu gehört, den richtigen Mix und die richtigen Werkzeuge zu finden – auch um die soziale Interaktion zu unterstützen – und gleichzeitig Service-Angebote in Reichweite der Wohnungsbereiche zu platzieren. Neue Formen der Mobilität werden Möglichkeiten aufzeigen, wie wir den öffentlichen Raum nutzen können, um unsere Städte viel grüner und fußgängerfreundlicher zu gestalten. Und aus hybriden Arbeits- und Wohnformen können sich radikal neue Ideen ergeben. Wir müssen auch sicherstellen, dass wir die Planung der Stadtteile an den Tageszeiten ausrichten. Das bedeutet: Wir müssen in 24-Stunden-Rhythmen denken und Strategien entwickeln, um Spitzenzeiten über den Tag zu verteilen. Dies ist nicht nur in Bezug auf den Verkehr und öffentliche Verkehrsmittel gemeint. Wir können auch bessere Planungsmodelle für die Nutzung beliebter Orte wie etwa Museen erarbeiten, um Stoßzeiten zu reduzieren und diese Orte angenehmer zu gestalten.

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Bildquelle: Bauwerk, bloomimages


 

Architekturzeitung: Es heißt, Van B würde das moderne Stadtleben revolutionieren? In einem Satz: Was macht Van B so besonders?

Ben van Berkel: Van B ist eine innovative Mischung aus multifunktionaler und anpassungsfähiger Raumnutzung, einem Indoor-/Outdoor-Wohngefühl und einem Sinn für Gemeinschaft.
Die aktuelle Pandemie hat unsere Wohnsituationen und den Wohnungsmarkt zusätzlich unter Druck gesetzt, da einzelne Räume in unseren Wohnungen multifunktional wurden und zusätzliche Funktionen als Büro, Fitnessstudio, Wohnzimmer und Schlafzimmer übernehmen mussten. Das bedeutet, dass wir heute mehr denn je neue Wohnkonzepte entwickeln müssen, die den veränderten Ansprüchen an unser Zuhause gerecht werden.

Architekturzeitung: Sie haben gesagt, dass Van B eine Architektur schafft, die mit der Zukunft kommuniziert. Was muss eine Architektur auszeichnen, damit sie auf die Bedürfnisse der Menschen von morgen reagieren kann?

Ben van Berkel: Durch die Anwendung architektonischer Prinzipien können Sie eine Reihe von „Regeln“ erzeugen, die die Umgebungen oder Bedingungen gestalten, in denen Menschen wohnen, arbeiten und leben, und die zugleich die soziale Interaktion fördern. In Zukunft werden immer mehr Menschen, zumindest zeitweise, von zu Hause aus arbeiten. Daher müssen Architekten das Design so gestalten, dass alle Annehmlichkeiten eines Büros in der häuslichen Umgebung untergebracht werden können. Es ist auch wichtig, dass der Wohnraum durch nahe gelegene Service-Angebote und Ausstattungsmerkmale ergänzt wird. Aber auch innerhalb des Hauses kann man serviceorientierte Flexibilität bieten. Wir haben uns bei Van B von den Herangehens- und Funktionsweisen der Tech-Welt inspirieren lassen. In gewisser Weise bringen wir einen Tech-Ansatz zurück in die analoge Welt.

Architekturzeitung: Das „Innen-Außen-Wohnen“ ist eine beliebte Lebensform in den Niederlanden. Wie ist das Verhältnis zwischen innen und außen bei Van B? Bringen Sie damit ein Stück Amsterdam mit nach München?

Ben van Berkel: In gewisser Weise, ja. Wenn in den Niederlanden die Sonne auch nur droht herauszukommen, kann man uns oft dabei beobachten, wie wir unsere Tische und Stühle auf den Bürgersteig vor unseren Häusern schleppen! Schon in den ersten Frühlingstagen versammeln sich die Menschen vor ihren Haustüren und genießen ein Familienessen oder sie treffen sich mit ihren Nachbarn. Früher haben wir sogar die Bürgersteige vor unseren Häusern gereinigt, weil wir sie als Teil unserer Häuser betrachteten.

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Bildquelle: Bauwerk, bloomimages


In Van B erwachsen viele Qualitäten aus einer Verbindung mit der Natur sowie der Schaffung von Zusammengehörigkeit und Lebendigkeit: der Außenraum ist die Erweiterung unserer Wohnräume. In den Wohnungen schaffen die großen Erkerfenster und Balkone Sichtverbindungen zwischen Straße, Wohnungen und den schönen Bäumen, die die Straße säumen. Fast wird die Wohnung zu einem kleinen Baumhaus. Zum Hof hin haben wir im Erdgeschoss Gallery-Lofts geschaffen, die die Bewohner einladen, ihre Wohnungen zu öffnen und in den Garten zu erweitern. Mit einer eigenen Adresse ausgestattet, wirken diese dreistöckigen Wohnungen fast wie kleine Häuser, die in das Gebäude eingebettet sind. In diesen Wohnungen greifen wir auch die Idee des „aktiven Designs“ auf, mit Treppen, die dazu anregen, sich auf gesunde Weise im Haus zu bewegen. Dies ist auch ein sehr niederländischer Ansatz.

Architekturzeitung: Van B stellt die klassische Raumaufteilung in Frage. Flexible Strukturen treten an ihre Stelle. Wie genau funktioniert das?

Ben van Berkel: Flexibilität ist für die Menschen heute wichtiger geworden als schiere Größe. Mit Van B haben wir es geschafft, den Grundriss einer Wohnung buchstäblich zu flexibilisieren. Der strategische Ansatz für die Architektur war also klar: möglichst viele verschiedene Lösungen zu finden, wie eine Wohnung konfiguriert werden kann. Und zwar egal, ob man es sich um eine Zwei- oder Einzimmerwohnung, um 40 oder 50 Quadratmeter, mit abgetrennter oder offener Küche handelt. Das Ziel: Maximale Flexibilität und so für den Bewohner die Möglichkeit schaffen, jeden Tag neue räumliche Entscheidungen treffen zu können – je nach Alltagssituation. Ähnliche Ideen haben wir in der Vergangenheit in der Architektur gesehen, wie zum Beispiel im Haus der Zukunft (1956) von den Smithsons und im Rietveld-Schröder-Haus (1924). Aber das Van B-Konzept ist weitaus reichhaltiger und technisch fortschrittlicher, da die Bewohner ihren Raum – je nach Nutzung – im Laufe eines Tages neu konfigurieren können. Um dies zu erreichen, haben wir ein System von schieb- und klappbaren Möbeln entwickelt, die sogenannten Plug-ins. Mit ihnen wird aus einer 40 Quadratmeter großen Wohnung ein 60 Quadratmeter-Loft. Ein und derselbe Raum verwandelt sich so in Sekundenschnelle in ein Büro, ein gemütliches Wohnzimmer oder ein Schlafzimmer. Van B geht also über die traditionellen Vorstellungen von Flexibilität, wie wir sie in der Architektur kennen, hinaus. Das Konzept ist intelligenter, anpassungsfähiger und benutzerfreundlicher, zudem bietet es einen hohen Komfort.

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Bildquelle: Bauwerk, bloomimages


 

Architekturzeitung: Welche Bedeutung hat das Projekt für Sie persönlich?

Ben van Berkel: Van B ist eines der aufregendsten Projekte, an denen wir in den vergangenen Jahren gearbeitet haben. Weil es so einzigartig und so notwendig ist. Und weil es eine Antwort auf so viele aktuelle Bedürfnisse gibt. Es ist das erste Mal, dass wir diese Art von flexiblem Wohnen designen: ein Gebäude, das kompakten und flexiblen Wohnraum bietet und die Idee von Gemeinschaft mitdenkt. Gleichzeitig besticht es durch ein elegantes Erscheinungsbild und eine elegante Geometrie. Und ich glaube, dass diese Art zu leben die Zukunft ist. Obwohl es sich nicht um ein Hochhaus handelt, könnte es zu einem Hochhausmodell ausgebaut werden – dabei aber eine weitaus ansprechendere und komfortablere Verdichtung als herkömmliche Modelle sein. Bei Van B war es dank des Anspruchs des Projektentwicklers Bauwerk auch möglich, hohe Qualität in die Detaillierung zu bringen. Was ich jedoch an Bauwerk und an diesem Projekt am meisten schätze, ist unser gemeinsames Ziel: auf Basis unserer langjährigen Erfahrungen und unseres gemeinsamen Verständnisses Innovationen zu schaffen und so die Zukunft des Wohnens zu gestalten.

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Bildquelle: Bauwerk, bloomimages


Ein charakteristisches Element des Forschungsgebäudes ist sein Dach. Es verwandelt sich mit einem eleganten Schwung von einer Wand- in eine Dachfläche. Bildquelle: CGI Henn

Hochbau

Am Abend schmeicheln an der Dachkante montierte Linealuce Mini-Leuchten von iGuzzini der Aluminiumstruktur des freistehenden Erweiterungsbaus mit einem dezenten Glanz. Der Neubau wirkt dann wie in Sarment und Seide gewandet. Der Wallgrazing-Effekt der Leuchten hebt die Plastizität der Aluminiumstruktur ausdrucksstark hervor. Bildquelle: Roland Halbe

Beleuchtung

Kürzbar auf die gewünschte Stauhöhe: das SitaEasy Anstauelement.

Dach

Live-Talk Studio X von Xella startet am 21. April um 14 Uhr

Unternehmen

Von den Büros aus, die dem Atrium zugewandt sind, hat man einen guten Blick ins Foyer. Bildquelle: Hoba

Innenausbau

Fineo eignet sich für den Einsatz in historischen Gebäuden. Durch einen Glastausch können die originalen Profile und Rahmen erhalten bleiben, bei gleichzeitig optimierter Energiebilanz. Im Bild: Fineo in den historischen Fenstern des Klosters im niederländischen Beuningen. Foto: Fineoglass

Fassade

Digitale Planungsmethoden sind für Architekten und Planer bereits Standard. Foto: Geberit

Fachartikel

Laut Hersteller Cobiax die „Mondlandung für zeitgemäßes Bauen“: Mit dem CLS-Hohlkörpersystem soll die Errichtung nachhaltiger Bauwerke deutlich vereinfacht werden. Grafik: Cobiax, Wiesbaden

Hochbau

Lars Krückeberg von GRAFT

Menschen

Die funktionsgetrennte KS-Bauweise am Beispiel eines einschaligen Mauerwerks mit einem WDVS. Die grauen KS-Wärmedämmsteine am Wandfußpunkt sorgen für die dauerhafte Minimierung von Wärmebrücken. Bild: Thomas Popinger | KS-ORIGINAL

Premium-Advertorial

Deutsche Großstädte kommen mit dem Wohnungsbau kaum hinterher. Bauen mit vorgefertigten Elementen kann, wie hier in Berlin, Abhilfe schaffen. Foto: eyetronic – stock.adobe.com

Fachzeitschriften

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