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07
Jun

"Corona – Und dann?" Architekten stellen sich eine andere Zukunft vor

PC CARITAS, Melle, Belgium by architecten de vylder vinck taillieu, Foto: Filip Dujardin

Fachartikel

 

„Architektur kann in Städten und Regionen ein starker Motivator für ein ökologisches Umdenken sein, das nicht als Verzicht, sondern als Gewinn sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft erfahrbar wird.“
(„Das Haus der Erde“, BDA Bund Deutscher Architekten, 2019)

Erkenntnisse aus gefährdenden Einflüssen auf unsere Lebenswelt, insbesondere durch den Klimawandel und dessen Ursachen sowie die Covid-19-Pandemie und deren unabsehbare Folgen, erfordern ein Neudenken der zukünftigen Gestaltung unserer Lebensformen und Lebensräume. Sie bieten die Chance eines Neustarts für eine sich ihrer Grenzen bewusst werdenden Gesellschaft. Die Ziele der Investitions- und Konjunkturprogramme der Regierungen Europas und darüber hinaus werden maßgeblich über eine erfolgversprechende zukünftige Entwicklung entscheiden. Der BDA Bayern sieht die Politik in der Pflicht, eine gesamtgesellschaftliche Perspektive im Kontext des Klimawandels zu entwickeln.

Im Fokus stehen dabei nachhaltiges Wirtschaften und notwendige Rahmenbedingungen für die Gestaltung des ökologischen Wandels. Dazu ist es erforderlich, dass architektonische und städtebauliche Maßnahmen von Konjunkturpaketen und konkret bezogenen Fördermitteln unterstützt werden, die zuvorderst ökologische Faktoren berücksichtigen wie: Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung, Bestandserhalt und Wiederwertbarkeit, wie Qualität, Regionalität und Resilienz.

PC CARITAS, Melle, Belgium by architecten de vylder vinck taillieu, Foto: Filip Dujardin
PC CARITAS, Melle, Belgium by architecten de vylder vinck taillieu, Foto: Filip Dujardin


In der Landesentwicklung:
• Förderung regionaler Kreisläufe mit kurzen Wegen für Menschen, Wirtschaftsgüter und Ressourcen (Reduktion des Mobilitätsbedarfs)
• Verbesserung der digitalen Infrastruktur (Breitbandausbau in der Region)
• Sorgsame Flächennutzung (Verbindliche 5ha-Obergrenze) und Förderung interkommunaler und regionaler Zusammenarbeit als Innovationsmotor
• Nutzung und qualitative Weiterentwicklung bestehender Siedlungs-, Gewerbe- und Infrastrukturen im Hinblick auf Versorgung, Infrastruktur und Arbeitsplatzangebot mit Fortbildungsstrukturen (Reduktion des Pendleraufkommens)
• Mobilität durch Ausbau und Reaktivierung der Schiene, Vernetzung überregionaler Bahnstrecken mit regionalen Trambahnen

Im Städtebau:
• Städtebauliche Lösungen, die Wohnen, Arbeiten und Nutzungen der Nahversorgung vereinen: durchmischte Quartiere in Stadt und Land für kurze Wege
• durchmischte Ganztagesnutzungen insbesondere größerer Bauvolumen für eine 24-Stunden-Nutzung angesichts 24 Stunden Energieverbrauchs
• Gestaltung anspruchsvoller Freiräume mit hoher Aufenthaltsqualität, Aufwertung des öffentlichen Raums in Städten und Dörfern
• Verbindung und Überlagerung baulicher Situationen mit pflanzlichen Schichten zur Erhöhung der Hitzeresilienz und Biodiversität sowie Beachtung von Durchlüftungsschneisen

Im Hochbau:
• Umnutzung bestehender Bausubstanz vor Abriss und Neubau
• Typologisch, räumlich und thermisch intelligente Planung für Low-Tech-Konstruktionen (statt Dämmen mit Materialien mit negativer Ökobilanz und teurer, material- und wartungsintensiver Haustechnik)
• Individuellere und vielfältigere Wohnungsbauten mit differenzierteren Grundrissen für multifunktionale Nutzungen in verschiedenen Lebens- und Arbeitsphasen

Bei Ökobilanz und Materialien:
• Berücksichtigung „Grauer Energie“ als Maßstab zur energetischen Bewertung
• Wiederverwertung oder vollständige Recyclingfähigkeit oder Kompostierbarkeit aller zum Bauen notwendiger Materialien
• Vollständige Dekarbonisierung im Bauwesen zur Erreichung einer kohlenstofffreien Bauwirtschaft für einen negativen CO2-Fußabdruck
• Förderung einer Kultur des Experimentierens: Architektur und nachhaltiges Bauen lebt ebenso von kontrollierten Experimenten wie die Wissenschaft

Ein „Weiter-so“ im Status Quo – zu Lasten heutiger und künftiger Generationen – kann nicht die richtige Antwort sein. Wir haben es in der Hand, Städte, Dörfer und Landschaften in schönere, resiliente und nachhaltige Orte mit hoher Aufenthaltsqualität für Menschen und als gute Orte für den Erhalt der Vielfalt von Flora und Fauna umzubauen.

Qualitätsvolle und wohldurchdachte Prozesse in Konzeption, Planung und Entwurf sind die Voraussetzungen für nachhaltiges Bauen. Der BDA Bayern setzt sich seit seiner Gründung im Jahr 1908 dafür ein, die Qualität des Planens und Bauens in Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und Umwelt zu stärken. Zu einer nachhaltigen Landesentwicklung ist 2019 die Publikation „Kein schöner Land? ­ Ein Diskurs zur Landesentwicklung“ erschienen. Der BDA Bundesverband hat seine politische Haltung zu „Stadt, Architektur und Land“ 2018 veröffentlicht und aktuell in der Publikation „Das Haus der Erde - Positionen für eine klimagerechte Architektur in Stadt und Land“ eine Selbstverpflichtung formuliert, um den dringend notwendigen ökologischen Wandel in Architektur, Stadt – und Ortsentwicklung zu befördern.

Autor: Bund Deutscher Architekten BDA, Landesverband Bayern


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