Hochhäuser werden meist über Silhouette, Fassade und städtebauliche Wirkung bewertet. Ihre Qualität im Alltag entscheidet sich jedoch im Inneren: daran, wie schnell, verständlich und zuverlässig Menschen, Waren und Services durch das Gebäude geführt werden. Je höher, dichter und vielfältiger ein Turm genutzt wird, desto stärker prägt die Aufzugsplanung Grundriss, Gebäudekern und Innenarchitektur.
Mit HELIX und dem KI-basierten AGILE Dispatcher zeigt TK Elevator, wie vertikale Mobilität künftig adaptiver organisiert werden kann. Das System analysiert Verkehrsströme, erkennt wiederkehrende Nutzungsmuster und weist Kabinen entsprechend zu. Besonders in gemischt genutzten Hochhäusern mit Büros, Wohnungen, Hotels oder öffentlichen Bereichen kann dies Wartezeiten reduzieren und unterschiedliche Nutzergruppen gezielter lenken.
Damit wird der Aufzug vom rein technischen Transportmittel zum Bestandteil des Gebäudebetriebs. Entscheidend bleibt jedoch die architektonische Einbindung: Eine intelligente Steuerung ersetzt weder einen gut proportionierten Kern noch eine klare Wegeführung. Erst im Zusammenspiel von Technik, Raum und Nutzung entsteht ein Hochhaus, das nicht nur imposant aussieht, sondern auch präzise funktioniert.
Wie verändern künstliche Intelligenz, adaptive Steuerungen und digitale Plattformen die vertikale Mobilität in Hochhäusern? Darüber spricht die Architekturzeitung mit Markus Schlichter, Leiter Global High-Rise bei TK Elevator. Im Mittelpunkt stehen lernende Aufzugssysteme, die Auswertung von Betriebs- und Nutzungsdaten sowie die Frage, welchen Einfluss digitale Mobilitätskonzepte auf Gebäudekern, Energieeffizienz, Verfügbarkeit und Nutzerkomfort haben.

INTERVIEW
Redaktion Architekturzeitung: Hochhäuser werden meist über Höhe, Form und Fassade diskutiert. Wird ihre eigentliche Qualität künftig stärker daran gemessen, wie gut sie Menschen und Güter im Inneren bewegen?
Markus Schlichter: Die Fassade prägt die äußere Wahrnehmung, doch die innere Leistungsfähigkeit entscheidet über die Alltagstauglichkeit. Ein Hochhaus kann architektonisch eindrucksvoll sein. Wenn Menschen morgens nicht effizient ankommen, Lieferungen Wege blockieren oder unterschiedliche Nutzungen sich gegenseitig stören, verliert es dennoch an Qualität. Vertikale Mobilität wird damit zu einem Maßstab für den Gebrauchswert. Sie entscheidet darüber, ob ein Hochhaus lediglich hoch ist oder tatsächlich als urbanes, gemischt genutztes System funktioniert.
Redaktion Architekturzeitung: Ab welchem Punkt wird vertikale Mobilität in einem Hochhaus nicht mehr nur zur Haustechnik, sondern zu einem eigentlichen Entwurfsthema?
Markus Schlichter: Spätestens dann, wenn Höhe, Nutzungsmischung und Nutzerfrequenz die Organisation des Gebäudes bestimmen. Der Aufzug beeinflusst Gebäudekern, Lobby, Zonierung, öffentliche und private Bereiche, Servicewege, Sicherheitskonzepte und Flächeneffizienz. Bei Hochhäusern ab etwa 100 m können sich bereits kleine Verbesserungen in der Dispatching-Logik spürbar auf Wartezeiten, Transportkapazität und Energieverbrauch auswirken. Deshalb sollte vertikale Mobilität früh im Entwurf berücksichtigt werden, nicht als nachträgliches technisches Gewerk, sondern als Teil der Gebäudestrategie.
Redaktion Architekturzeitung: Wenn Gebäude höher, intelligenter und stärker vernetzt werden, verändert sich auch die Rolle des Kerns. Muss man den Hochhauskern heute stärker als räumlich-organisatorisches System verstehen und weniger als bloße technische Notwendigkeit?
Markus Schlichter: Der Kern ist nicht nur ein Ort für Aufzüge, Treppen, Schächte und Technik. Er bildet die zentrale Organisationsstruktur des Hochhauses. Wenn Aufzüge, Zugangskontrolle, Gebäudemanagement und Sicherheitssysteme miteinander kommunizieren, wird der Kern zu einem aktiven System. Er verteilt Menschen, trennt Nutzungen, bündelt Services und unterstützt den Betrieb. Digitale Steuerung verstärkt diese Rolle: Der Kern reagiert nicht länger nur auf statisch geplante Bewegungsmuster, sondern kann sich im laufenden Betrieb an die tatsächliche Nutzung anpassen.
Redaktion Architekturzeitung: Mit Dynamic High-Rise und HELIX verfolgt TK Elevator einen Digital-First-Ansatz. Was bedeuten diese Begriffe? Verändert das nur die Leistungsfähigkeit der Technik oder auch die Art, wie Architektinnen und Architekten über Zonierung, Mischnutzung und Gebäuderhythmus nachdenken?
Markus Schlichter: Dynamic High-Rise bezeichnet bei TK Elevator das Portfolio für anspruchsvolle vertikale Mobilität in Hochhäusern. HELIX ist darin eine digital-native Highspeed-Einzelkabinenplattform. Ergänzend bietet TK Elevator mit TWIN ein System mit zwei unabhängig voneinander betriebenen Kabinen in einem Schacht sowie mit Double Deck eine Lösung mit zwei fest gekoppelten, übereinander angeordneten Kabinen.
Digital First bedeutet, dass die Anlage von Beginn an als vernetztes und datenbasiertes System gedacht wird. Der AGILE Dispatcher nutzt KI-Algorithmen, analysiert Verkehrsströme in Echtzeit und optimiert die Kabinenzuordnung sowie die Umlaufstrategien. Für Architektinnen und Architekten ist das relevant, weil Mobilität weniger starr geplant werden muss. Zonierung, Mischnutzung und Gebäuderhythmus können differenzierter gedacht werden, wenn die vertikale Erschließung auf reale Nutzungsprofile reagieren kann.
Redaktion Architekturzeitung: Gemischt genutzte Hochhäuser gelten als besonders anspruchsvoll, weil Wohnen, Arbeiten, Hotel, Gastronomie und öffentliche Bereiche unterschiedliche Zeittakte erzeugen. Wie verändert KI-gestützte Verkehrssteuerung diese Gebäudetypologie?
Markus Schlichter: Sie macht Mischnutzung besser beherrschbar. Unterschiedliche Nutzungen erzeugen unterschiedliche Spitzen: Büro morgens, mittags und abends, Hotel rund um Check-in, Frühstück und Veranstaltungen, Gastronomie vor allem am Abend, Wohnen dagegen stärker über den gesamten Tag verteilt.
Klassische Steuerungen arbeiten mit Annahmen über solche Muster. KI-gestützte Systeme analysieren die tatsächliche Nutzung, vergleichen Prognosen mit realen Verkehrssituationen und passen ihre Entscheidungen laufend an. Dadurch lassen sich Verkehrsströme entzerren, Fahrten bündeln und Kapazitäten dynamisch verteilen. Architektonisch eröffnet das mehr Spielraum für komplexe Nutzungsmischungen.
Redaktion Architekturzeitung: Gute Technik soll Architektur unterstützen, nicht dominieren. Wie unsichtbar sollte vertikale Mobilität im besten Fall sein, und wo darf sie bewusst Teil der räumlichen Inszenierung werden?
Markus Schlichter: Im Alltagsbetrieb sollte sie möglichst unauffällig funktionieren: mit kurzen Wartezeiten, intuitiver Bedienung, ruhigen Fahrten und klarer Wegeführung. Sichtbar werden darf sie dort, wo Bewegung selbst Teil der Architektur ist, etwa in Lobbys, Atrien, öffentlichen Ebenen, Aussichtsgeschossen oder hochwertigen Hotel- und Bürobereichen.
Dann kann der Aufzug Übergang, Orientierung und Inszenierung unterstützen. Entscheidend ist, dass Technik nicht als Störung erscheint. Sie sollte entweder zurücktreten oder bewusst räumlich gestaltet werden.
Redaktion Architekturzeitung: Welche gestalterischen Freiheitsgrade sind bei Kabinenausstattungen, Türen und Zubehör für Architektinnen und Architekten wirklich relevant, und wo beginnt bloßes Ausstattungsdekor?
Markus Schlichter: Relevant sind alle Elemente, die Wahrnehmung, Orientierung und gestalterische Konsistenz beeinflussen: Materialien, Licht, Türgestaltung, Bedienelemente, Handläufe, Displays, Spiegel, Akustik und Übergangszonen. HELIX bietet verschiedene Optionen für Eingänge, Oberflächen und Zubehör. Zudem können Infotainment-Screens individuell bespielt werden.
Auch digitale Lösungen wie der AGILE Mirror, bei dem ein Spiegel zur integrierten Informations- und Gestaltungsfläche wird, zeigen, wie sich klassische Elemente funktional weiterdenken lassen. Bloßes Dekor beginnt dort, wo Gestaltung keine Beziehung mehr zum Gebäude, zur Marke, zur Nutzung oder zur Nutzerführung hat. Gute Aufzugsgestaltung ist kein nachträgliches Finish, sondern Teil der räumlichen Dramaturgie und damit auch der Innenarchitektur.
Redaktion Architekturzeitung: Wenn Aufzüge offen mit Gebäudemanagement, Zugangskontrolle und Sicherheit vernetzt sind, wird das Gebäude dann selbst zu einem System, das sich im Betrieb laufend neu justiert?
Markus Schlichter: Ja, genau in diese Richtung entwickelt sich die Gebäudetechnik. Wenn Aufzüge mit Gebäudeautomation, Zugangskontrolle, Sicherheitssystemen und digitalen Services verbunden sind, entsteht ein Gebäude, das Betriebszustände erkennt und darauf reagieren kann. Die Aufzugsanlage wird Teil eines größeren, vernetzten Systems.
Über Cloud-Anbindungen und Programmierschnittstellen können Betriebs-, Nutzungs- und Zustandsdaten zusammengeführt werden. Dadurch lässt sich das Gebäude nicht nur planen, sondern im Betrieb kontinuierlich optimieren, etwa bei Verkehrssteuerung, Wartung, Energieverbrauch und Serviceprozessen.
Redaktion Architekturzeitung: Nachhaltigkeit wird in der Architektur oft über Material, Energie und Rückbau diskutiert. Welchen realistischen Beitrag kann vertikale Mobilität zur ökologischen und wirtschaftlichen Zukunftsfähigkeit eines Hochhauses leisten?
Markus Schlichter: Vertikale Mobilität kann mehr beitragen, als man auf den ersten Blick vermutet. Erstens durch Energieeffizienz: HELIX verbraucht bis zu 12 Prozent weniger Energie als das Vorgängermodell. Durch den AGILE Dispatcher sind zusätzlich bis zu 25 Prozent Energieeinsparung pro Aufzugsgruppe möglich.
Zweitens geht es um Flächeneffizienz. Je nach Gebäude kann der AGILE Dispatcher die durchschnittliche Wartezeit um etwa 20 Prozent reduzieren und dazu beitragen, mit bis zu 25 Prozent weniger Aufzügen auszukommen. Drittens spielt die Qualität über den gesamten Lebenszyklus eine wichtige Rolle. Zustandsdaten und vorausschauende Wartung unterstützen die Verfügbarkeit und eine längere Nutzungsdauer. Nachhaltigkeit entsteht damit aus dem Zusammenspiel von Energie, Fläche, Betrieb und Anpassungsfähigkeit.
Redaktion Architekturzeitung: Zugespitzt gefragt: Ist das Hochhaus der Zukunft weniger ein Monument als eine präzise organisierte Maschine für Bewegung?
Markus Schlichter: Es bleibt beides, aber die Gewichtung verschiebt sich. Das Hochhaus ist weiterhin städtebauliches Zeichen und architektonisches Statement. Gleichzeitig wird es stärker zu einem adaptiven System, das Menschen, Waren, Services, Energie und Datenströme intelligent organisiert.
Vertikale Mobilität ist dabei nicht nur technisches Mittel, sondern ein zentraler Bestandteil der Gebäudelogik. Das Hochhaus der Zukunft ist deshalb weniger ein statisches Monument als eine präzise organisierte und lernfähige Struktur für Bewegung.

Kurzvita: Markus Schlichter beschäftigt sich bei TK Elevator mit der Weiterentwicklung digitaler Aufzugslösungen und KI-gestützter Mobilitätskonzepte für moderne Gebäude. Im Mittelpunkt seiner Arbeit stehen adaptive Steuerungssysteme, High-Rise-Mobilität und digitale Plattformarchitekturen. Zudem untersucht er, wie sich Betriebs-, Nutzungs- und Zustandsdaten einsetzen lassen, um Verfügbarkeit, Energieeffizienz und Nutzerkomfort über den gesamten Lebenszyklus einer Anlage zu verbessern.