11
Dez

Architektur kann und muss nicht nur als gebauter Raum verhandelt werden

Design Kunst



Interview mit Annett Zinsmeister


Aktuell sind Arbeiten von Annett Zinsmeister in der Galerie Grazia Blumberg in Recklinghausen zu sehen:

Arbeiten zum Thema Raum und Licht - Ausstellung gemeinsam mit Hans Kotter in der Galerie Grazia Blumberg Recklinghausen, Ausstellung vom 12.12.2010 - 31.1.2010  www.galerie-grazia-blumberg.de 




Im Interview gibt Annett Zinsmeister Einblick in ihre Arbeit in den unterschiedlichen Disziplinen und erklärt, welche enge Verbindung von Kunst und Architektur in ihren Werken besteht.


Simone Kraft: Schon früh haben Sie festgestellt, dass alle Ihre Arbeiten, sei es in der Kunst, im Design oder in der Theorie, um das Thema Architektur kreisen. Woher kommt dieses besondere Interesse an der Architektur?

Annett Zinsmeister: Architektur prägte meine Kindheit von der Geburtsstunde an: Meine Taufe fand in einer von meinem Vater erbauten Kirche statt. Fast alle Ausflüge, an die ich mich von Kindesbeinen an erinnern kann, waren genau genommen Architekturexkursionen und im Grundschulalter brachte mir mein Großvater das Zeichnen von Grundrissen bei. Alle männlichen Vorfahren bis hin zu meinem Urgroßvater waren Architekten und Baumeister, entsprechend prägte Architektur geradezu unausweichlich meine Kindheit. In meiner Jugend galt mein Interesse vorrangig der Kunst und dem Design. Dank Daniel Libeskinds Vortrag an der Uni Stuttgart Ende der 80er Jahre lernte ich Architektur in einer ganz anderen und interdisziplinären Komplexität kennen. Ich fand Gewissheit, dass Architektur, als sogenannte Mutter der Künste, meine Begabungen und Interessen zu vereinen schien, zumal Architektur weit mehr umfasst als die reine Baupraxis. Nach einigen Semestern des Kunststudiums in Stuttgart, begann ich an der Hochschule der Künste in Berlin zu studieren. Um mein Studium zu finanzieren, arbeitete ich in verschiedenen Architekturbüros. 1992 begann ich an der HdK Berlin und später an der TU Berlin interdisziplinäre Vortragsreihen im Spannungsfeld von Kunst und Architektur mit international bekannten KünstlerInnen und ArchitektInnen zu konzipieren. Ich belegte zudem an der Humboldtuniversität in Berlin Seminare in Kultur-/Medienwissenschaften und konnte so meine Interessen und Kenntnisse in Theorie und wissenschaftlicher Praxis vertiefen.

Nach mehrjähriger Berufspraxis als Architektin begann ich mich ab 2000 wieder vorrangig der Kunst und der Wissenschaft zuzuwenden. Neben meiner Hochschultätigkeit als künstlerische Mitarbeiterin in der Gestaltungs- und Darstellungslehre begann ich zudem, für Architekturzeitschriften wie ARCH+ und bauwelt zu schreiben.

S. Kraft: Arbeiten Sie zur Zeit auch noch »baupraktisch«?

A. Zinsmeister: Wie der Zufall es will, habe ich gerade ein Loft für einen Bundestagsabgeordneten in Berlin umgebaut. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass der Bauherr auf mich zukam und ausschließlich mit mir das Projekt realisieren wollte. Im ehemaligen Umformwerk des Architekten Rudolf Müller ein Loft umzubauen war eine spannende Aufgabe mit einem Ergebnis, das heute allen Beteiligten Freude bereitet.

S. Kraft: Nach mehrjähriger Berufspraxis als Architektin haben Sie sich ab 2000 wieder vorrangig der Kunst und der Wissenschaft zugewandt. Wie kam es zu dieser »Rückkehr« von der praktischen Architektur zurück zur Kunst?

A. Zinsmeister: 1999 erhielt ich einen Schweizer Kunstpreis und 2000 die Zulassung zur Architektenkammer. Ich entschied mich, meinen künstlerischen und wissenschaftlichen Interessen wieder mehr Raum zu geben, begann, wissenschaftlich zu arbeiten und zu schreiben und widmete mich der Lehre. 2002 erhielt ich vom Karl-Ernst-Osthaus Museum in Hagen die Einladung, in der internationalen Jubi-läumsausstellung »Museutopia zum 100-jährigen Bestehen der Folkwang-Idee« einen Werkbeitrag zu realisieren. Die für diese Ausstellung konzipierte Installation zu Utopie und Plattenbau wurde vom Museum für dessen Sammlung erworben. Zu diesem Anlass erschien im gleichen Jahr mein erstes Buch »Plattenbau oder die Kunst, Utopie im Baukasten zu warten«. Zahlreiche Einladungen zu Ausstellungen, Publikationen und Vorträgen folgten.

S. Kraft: Ihre Arbeit ist von einer engen Verbindung von Kunst und Architektur gekennzeichnet. Worin unterscheiden sich Kunst und Architektur und die Vorgehensweise in den jeweiligen Bereichen? 

A. Zinsmeister: Die freie künstlerische Praxis dient scheinbar vorrangig der Überschreitung von Grenzen; man denke an Duchamps Pissoir, das er 1917 in einer Ausstellung einem entgeisterten Kunstpublikum präsentierte. Im Laufe des 20. Jahrhunderts tat die Kunst vor allem eines: Sie verabschiedete sich von elementaren Formen, Grundlagen und Stilen im Handwerklichen als auch im Formalen. Künstler haben seither unbegrenzte Möglichkeiten. Sie müssen zunächst in der verheißungsvollen Grenzenlosigkeit ihren eigenen künstlerischen und unternehmerischen Weg finden und sich auf einem Markt behaupten, der nach ganz eigenen Gesetzen operiert. Diese Mechanismen muss man zunächst einmal verstehen und als KünstlerIn wollen bzw. aushalten können.

Die Gestaltung funktionaler Räume und Objekte in der Architektur und im Design hingegen ist – ob wir wollen oder nicht – immer noch an ihre Funktion gebunden. Diese schlichte und doch komplexe Maßgabe macht die Gestaltung von Raum und Gebrauchsgütern einfach und schwer zugleich. Einfach, da die Vorgabe klarer Parameter eine Leitplanke für die Gestaltung bietet, an der man sich orientieren kann. Schwierig, da die Funktionen je nach Art und Komplexität nicht nur breit gefächerte Kompetenzen voraussetzt, sondern der Gestaltung und Planung in Architektur und Design klare technische und formale Grenzen setzt. Dieser Rahmen ist eine Begrenzung und eine Herausforderung zugleich. Das muss man als ArchitektIn wollen und ausloten können

S. Kraft: Was bedeutet das für Sie?

A. Zinsmeister: Für mich ist die Kunst seit jeher elementarer Bestandteil meiner Tätigkeit. Sie bietet mir zum einen eine künstlerische Freiheit, die ich in keiner angewandten gestalterischen Disziplin habe, zum anderen ist sie für mich ein Erkenntnismodell für aktuelle und auch architektonische Fragen wie z. B. nach Wahrnehmungsgrenzen, nach Konzepten der Raumbildung, nach Darstellungstechniken etc. Die freie künstlerische Praxis hat eine völlig andere Dynamik als die architektonische Praxis und der Markt ist nicht annähernd vergleichbar. Ebenso verhält es sich mit der Wissenschaft und der Lehre. Das Wechselspiel zwischen theoretischer Reflexion und praktischer künstlerischer Tätigkeit bildet einen fruchtbaren Nährboden für meine Arbeit, die auf meinen Grenzgängen zwischen diesen unterschiedlichen Welten gedeiht und in entsprechend unterschiedlichen Disziplinen ihren Niederschlag findet.

S. Kraft: Sie haben sich bisher sehr intensiv mit dem Plattenbau beschäftigt, eine Arbeitsphase, die sie mittlerweile als abgeschlossen betrachten. Was ist das grundlegende Thema Ihrer Arbeit?

A. Zinsmeister: Mich reizt der Umgang mit urbanen Problemzonen, mit konfliktgeladenen Orten, um die viele gerne einen weiten Bogen machen: kriegszerstörte Städte, dem Abriss freigegebene Architek-turen, politisch brisante Megastrukturen. Es sind Orte des Übergangs, die mich interessieren und bisweilen faszinieren, Orte mit einer besonderen Vergangenheit und ungewissen Zukunft. Ich habe verlassene Räume kartografiert, analysiert und viele diesbezügliche Fragestellungen verarbeitet, auf architektonischer, künstlerischer und theoretischer Ebene (z. B. Plattenbauten, innerstädtische Kriegsbrachen in Sarajevo, Abrisshäuser, Bauruinen).

Mich interessiert die Vielschichtigkeit urbaner und architektonischer Strukturen, die über Orte, über deren Geschichte, Traditionen und Innovationen, über gesellschaftliche und politische Hintergründe sehr viel erzählen können, sofern man den vielgestaltigen Hintergründen nachgeht und sie sichtbar bzw. lesbar macht. Mit der Architektur setzen wir Strukturen, mehr oder weniger bewusst. Mit der Kunst spüre ich sie auf, frage nach ihren Ursprüngen, ihrer Bedeutsamkeit, ihrer Wirkung und eröffne mit meiner künstlerischen Arbeit eine neue Blickrichtung auf vermeintliche Gegebenheiten, die so selbstverständ-lich scheinen, doch es bisweilen vielleicht gar nicht sind. Ein wiederkehrendes Motiv ist meine Auseinandersetzung mit seriellen Prinzipien und Wiederholungen bis hin zur Ergründung der alltäglichen Macht der Gewohnheit. Mich interessieren dabei die Ursprünge, Ausformungen und deren Wirkungen. 

S. Kraft: Wer und/oder was beeinflusst Ihre Arbeit? Gibt es Vorbilder?

A. Zinsmeister: Vorbilder gibt es für mich keine, aber mich haben in meiner Studienzeit jene Künstler und Architekten interessiert, die – so wie ich – an den Rändern ihrer Disziplinen arbeiten. Geprägt und inspiriert haben mich meine Studien zur Philosophie und Medientheorie: Roland Barthes, Vilem Flusser, Paul Virilio, Jaques Derrida, etc. sowie aktuelle Diskurse aus anderen Disziplinen. Architektur kann auf ganz unterschiedlichen Ebenen untersucht, thematisiert, diskutiert, erprobt und gestaltet werden.

Ich habe hierin meinen eigenen Weg und meine eigenen Themen gefunden, die bisweilen sehr individuell bedingt sind.

S. Kraft: Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihren Arbeiten?

A. Zinsmeister: Meine künstlerische Arbeit verstehe ich, ebenso wie die theoretische, als Forschung – sie dient dem Erkenntnisgewinn. In und mit meiner Arbeit thematisiere ich historische und aktuelle Entwicklungen der Wahrnehmung und Gestaltung von Raum, insbesondere auch im Zusammenhang mit neuen Technologien. In Form von Installationen und Bildwerken stellt meine Arbeit Sehgewohnheiten in Frage und eröffnet dem Betrachter neue und überraschende Zugänge zu vermeintlich bekannten Themen. Es ist ein künstlerisches, ein sinnliches Spiel mit der Wahrnehmung, mit Techniken und Werkzeugen der Darstellung und Gestaltung, deren Potenziale und Grenzen ich hinterfrage. Meine Arbeiten eröffnen neue Sichtweisen, zeigen unerwartete Parallelen, Zusammenhänge, Kreuzungen in der Wahrnehmung, der Darstellung und dem Erleben von Raum und werfen somit neue Fragen auf. Trotz räumlichen Eingriffen und Setzungen sind sie häufig ein Fingerzeig auf das Vorhandensein von ungewöhnlichen, übersehenen Details, von Widersprüchlichkeiten und unbemerkten Schönheiten, sei es im Zufälligen, im Seriellen, im Ornamentalen, im Klischee ...

S. Kraft: Was ist Ihrer Meinung nach charakteristisch für Ihre Arbeiten?

A. Zinsmeister: Meine Arbeit ist sehr konzeptuell geprägt: Zentrale Fragestellungen und der Prozess sind für mich grundlegende künstlerische Aspekte. Im Gegensatz zu rein konzeptueller Kunst funktionieren – oder besser gesagt: wirken – meine Arbeiten aber auch auf einer ästhetischen Ebene. Der Kunsthistoriker Beat Wyss nannte meine Installation outside-in »sublime« im Sinne Burkes, da sie eine überaus starke Wirkungsmacht auf den Betrachter ausüben. Im ersten Moment der Betrachtung spielt der intellektuelle, konzeptuelle Hintergrund der Arbeit keine große Rolle, die Arbeit wirkt – sie steht für sich. Bei näherem Hinschauen bzw. einer Auseinandersetzung offenbart sich eine inhaltliche Dichte, die das Kunstwerk bedingt und in die sich der Betrachter einlassen und vertiefen kann, aber eben nicht muss.

S. Kraft: Zum Abschluss eine allgemeine Frage: Sie sagten, dass Architektur weit mehr als die reine Baupraxis umfasst. Welche Bedeutung hat Architektur für uns?

A. Zinsmeister: Architektur ist die gestalterische Disziplin, die wohl den größten öffentlichen Wirkungsgrad besitzt, denn sie greift ein in die gebaute Umwelt, formt den öffentlichen Raum. Architektur ist keine rein ästhetische Disziplin, sie obliegt funktionalen Bedingungen, aber auch gesellschaftlichen und politischen Interessen. Insofern ist Architektur wesentlich determinierter als beispielsweise die freie Kunst und auch andere angewandte Gestaltungsdisziplinen wie das Design, aber sie ist zugleich die vielschichtigste aller kreativen Disziplinen. Das macht sie einerseits hochgradig komplex und interessant und birgt andererseits die Gefahr in der Planung als gebaute Architektur, d.h. als »dienende« Auftragsarbeit, die einer Vielzahl an Normen, Vorschriften und Nutzungsansprüchen gerecht werden muss, gestalterisch in ihren Freiräumen immer weiter beschnitten zu werden.

Architektur kann und muss aber nicht nur als gebauter Raum verhandelt werden. Raum zu denken und zu gestalten ist eine Kompetenz, die nicht nur in der architektonischen Planung grundlegend ist, sondern in jeglichem gestalterischen Umgang mit Raum bedeutsam und wichtig ist. Architektur ist Grundlage sämtlicher räumlicher Überlegungen und Konzepte, sei es gesellschaftlicher, politischer, kultureller, ökologischer, technischer und landschaftlicher Natur. Architektur ist demnach auch in der Kunst-, Kultur- und Mediengeschichte ein ebenso spannendes Thema wie in der Kunst und dem Design. 

Annett Zinsmeister im Internet: www.annett-zinsmeister.de

Auswahl an Ausstellungen und Projekten:

urban hacking © Annett Zinsmeister 2009
urban hacking © Annett Zinsmeister 2009
Rauminstallation im Rahmen von paraflows 09 - Festival für digitale Kunst und Kultur in Wien / Österreich, 10.9.-20.9.2009, Animation / video loop: virtual interiors / container serie
www.annett-zinsmeister.de/Ausstellungen/09_paraflows/rahmen.html
www.annett-zinsmeister.de/Kunst/Bilder/09_urban%20hacking/rahmen.html


virtual interiors, © Annett Zinsmeister 2007
virtual interiors © Annett Zinsmeister 2007
Installationen und Leuchtobjekte, Ausstellungen in Stuttgart und Berlin


www.annett-zinsmeister.de/Ausstellungen/02KEOM/rahmen.html


Memodul. Digitales Gedächtnisspiel zu Plattenbauten und anderen modularen Utopien © Annett Zinsmeister 2002
Memodul. Digitales Gedächtnisspiel zu Plattenbauten und anderen modularen Utopien © Annett Zinsmeister 2002
Interaktive Installation auf 2 gegenüberliegenden Computern und LCD Projektion auf die Südfassade des Café Moskau Berlin, in der Ausstellung 'urban drift. night space', Café Moskau Berlin 2002
www.annett-zinsmeister.de/Ausstellungen/02_urbandrift/rahmen.html

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