20
Jan

Vergangene Fenster in die Gegenwart. Zur Aktualität Piranesis

Design Kunst

 

Giovanni Battista Piranesi

Warum sollte es für heutige Architekten interessant sein, sich die Zeichnungen eines italienischen Kollegen anzusehen, der von 1720 bis 1778 lebte? Nun, diese kurze Besprechung will versuchen, einige Argumente für eine Beschäftigung zu zeigen und tut das anhand des Gesamtkatalog der Radierungen von Giovanni Battista Piranesi, der vom »Taschen Verlag« in zwei Bänden neu herausgebracht wurde (1).

Piranesi war ausgebildet als Architekt, Bühnenbildentwerfer und Radierer. Er hat die Kunst in die Wiege gelegt bekommen, denn sein Vater arbeitete als Steinmetz und der Onkel war Architekt. Als junger Mann mit 20 Jahren begann er mit archäologischem Eifer, Ruinen zu kartographieren, bildete danach die untersuchten Stadträume und Architekturen aber nicht bloß ab, sondern trieb sie dabei förmlich über sich hinaus. Ist es denn nicht genau diese Fähigkeit eines Bauwerks, nämlich weder an seinen Innen- oder Außengrenzen zu enden, die die Architekten mit Wirkung oder Atmosphäre meinen?

Dass dergleichen Entfaltung freilich auch über das Ziel hinaus schießen kann, zeigt die Enttäuschung des jungen Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) der, mit den Zeichnungen Piranesis sozialisiert, während seiner Italienischen Reise am 7. November 1786 im Angesicht des realen Rom niederschrieb: »Gestehen wir jedoch, es ist ein saures und trauriges Geschäft, das alte Rom aus dem neuen herauszuklauben, aber man muss es denn doch tun und zuletzt eine unschätzbare Befriedigung hoffen. Man trifft Spuren einer Herrlichkeit und einer Zerstörung, die beide über unsere Begriffe gehen. Was die Barbaren stehenließen, haben die Baumeister des neuen Roms verwüstet«. (2)

Aber, vielleicht hat Piranesi zuvor diese Enttäuschung auch geteilt und zu kompensieren versucht, denn wenn man dem Vorwort im Katalog Glauben schenken will, störte er sich ebenso am römischen Stadtbild, das er als »verwüstetes Terrain von ländlicher Archaik, ver-, über-, und zugebaut mit architektonischen Zufallslösungen sah, die nicht miteinander harmonierten«. Vielmehr wollte er durch seine Arbeit die »feindlichen Stile« der Renaissance, Gegenreformation oder des Barock zu Gunsten der antiken Stadt zurückdrängen.

Der Italiener hatte wenig gebaut und sah sich daher dem beliebten Ressentiment in der Architektenzunft ausgesetzt, bloß Papier- bzw. heutzutage Computerarchitektur zu machen. In diesem Glauben an ein erektiles Initiationsritual drückt sich eine uralte Aristotelische Erblast aus: »Es ist aber in der Erörterung über das Wesen gesagt, dass das Werdende immer aus etwas wird und durch etwas, und dieses der Art nach dasselbe ist. Darum gilt es auch für unmöglich, dass jemand ein Baukünstler sei, ohne etwas gebaut zu haben...« (3).

Die Kurzsichtigkeit solcher Vorwürfe wird im Angesicht der Arbeiten Piranesis deutlich, denn dieser sah nicht nur die Ruinen, sondern erlebte sie förmlich und gab das dermaßen Durchlebte wieder. Die Arbeit eines Architekten (auch im Sinne der Hervorbringung des Aristoteles) findet eben nicht nur während des Errichtens eines Baues statt, sondern bereits in dessen Entwurf. Dieser geschieht zwar in einem diffusen Entbergungsmilieu der Kunst (um mit Heidegger zu sprechen), aber auch in der obligatorischen Sprache des Architekten, nämlich der Zeichnung.

Überdeutlich werden in den Radierungen die Verbindungen von archäologischem Empirismus mit subjektiver Einbildungskraft. Auch ein Aufbegehren gegen die totalitären Systembildungen der Wissenschaft zeigt sich hier. Nicht nur an dieser Stelle scheint die Nähe zu den damals noch jungen Debatten der Ästhetik auf. So kommt der deutsche Zeitgenosse Friedrich von Schiller (1759-1805) in die Erinnerung, der in Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen unterschieden hatte zwischen den bestimmenden Trieben des Sinnes (Natur, physisches Dasein) und der Form (Vernunft, Rationalität). Als ein Mittleres bzw. Vermittelndes hierzu setzte er das Spiel: »…der Spielbetrieb also würde dahin gerichtet sein, die Zeit in der Zeit aufzuheben, Werden mit absolutem Sein, Veränderung mit Identität zu vereinbaren« (4).

Nicht von ungefähr also steht im Katalog der Satz: »Dieses Spiel mit einer absichtlichen Mehrdeutigkeit war von Stimmung und Interpretationsvermögen des Betrachters abhängig«. Piranesi war offensichtlich ein Spieler im Schillerschen Sinne und hat zusätzlich eine Einladung hierzu an seine Rezipienten ausgesprochen. Wer fühlt sich bei so viel partizipativer Energie nicht an brandaktuelle Architektur- und Stadtbaudiskurse im Dunstkreis des »Performativen« erinnert? Ein Brückenschlag von der Barockzeit in unsere Gegenwart kann ebenfalls mit Piranesi gelingen. Er wurde nämlich von wichtigen Vertretern der architektonischen Postmoderne in den entsprechenden Diskursen wiederentdeckt, die das 20. Jahrhundert prägten.

Eine Generation von modernen Baukünstlern (hier stellvertretend Peter Eisenman, Daniel Libeskind, Wolf D. Prix von Coop Himmelb(l)au) hatte sich damals auf die Fahnen geschrieben, das Undarstellbare darzustellen. Sie fanden in den »poetischen Rätsel« Piranesis reiche Anregungen hierzu und versuchten ebenso, die »Dinge auf eine bislang unbekannte und unfassbare Weise sichtbar« zu machen. Die Zeit war nämlich gekommen, das sterile Phantasma einer rationalen Architektur zu entblößen, dessen Verwindungsprozess Heinrich Klotz (1935-1999) so trefflich charakterisierte: »Eines der Formregister, das die Architektur wieder zum Sprechen brachte und sie zu einer fiktiven Gestalt werden ließ, war die ironisierend-affirmative Verfremdung der populären Bedeutungsgehalte« (5).

Derzeit wird der deutsche Dramatiker Heinrich von Kleist (1777-1811) anlässlich seines Todestages geehrt. Dieser andere, dunklere Romantiker war Dionysos sicher näher als Apollon. Wie Piranesi gehörte er zu den heraufziehenden Subjekten einer Moderne, die Vielschichtigkeit, Multiperspektivität und Unklarheit in ihre Identitätsbildung integrieren mussten. Ein »Sowohl als auch«, das diese seismographischen Naturen in Texten oder Bildern darzustellen wussten, beschäftigt uns Heutige immer noch. Darin sind sowohl das Aktualitätspotenzial des vorliegenden Katalogs als auch die Motivation begründet, sich Radierungen eines Kollegen anzusehen, der seit 233 Jahren tot ist.

Anmerkungen:
1. Der Katalog ist auch für die Vertiefung ins Thema bzw. eine wissenschaftliche
Auseinandersetzung ausgelegt. Er verfügt über eine (kurze) Biographie, Bibliografie,
Konkordanz und einen alphabetischen Index der dargestellten Motive (von A wie Altar bis W
wie Wassersysteme).
2. Goethe, Wolfgang von; Italienische Reise (1786); in: Goethes Werke (Hamburger
Ausgabe); Band 11; München 2010 [1981]; 130
3. Aristoteles: Metaphysik; IX, 6, 1049 b
4. Schiller, Friedrich von: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von
Briefen (1793-1794); 14. Brief; in: Friedrich Schiller. Über das Schöne und die Kunst.
Schriften zur Ästhetik; München 1984 [1974]; 178
5. Klotz, Heinrich: Kunst im 20. Jahrhundert. Moderne, Postmoderne, Zweite Moderne;
München 1999 [1994]; 121

 

 

Abbildungen mit Genehmigung des Taschen Verlags

Autor: Christian J. Grothaus, Architekt und freier Autor mit Fokus auf Musik, Philosophie, (Bau-) Kunst und Ästhetik, www.logeion.net

 


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