Von Grundrissen, Betonmischern und Dämmschichten – ein Interview mit Rolf Toyka über sein Kindersachbuch »Achtung, fertig, Baustelle! Wie ein Haus geplant und gebaut wird«
Rolf Toyka, Architekt, Autor und Leiter der Akademie der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen, sieht das nicht so. Er möchte, dass gerade Kinder sehen und verstehen lernen, woran sie gute Architektur erkennen und welche vielfältigen Aufgaben ein Architekt übernimmt. In seinem 2009 erschienenen Kindersachbuch »Achtung, fertig, Baustelle! Wie ein Haus geplant und gebaut wird« hat er dieses Ziel thematisiert. Informativ und mit vielen, auch technischen, Details erklärt er darin Kindern von fünf bis elf Jahren den gesamten Bauprozess am Beispiel eines innerstädtischen Einfamilienhauses. Mithilfe kurzer Texte, liebevoll ausgearbeiteter Zeichnungen und zusätzlichen Erläuterungen vermittelt er ihnen auf spielerische Weise Qualitäten in der Architektur und räumt mit Vorurteilen gegenüber dem Berufsstand der Architekten auf. Und das mit großem Erfolg. Das Buch ist bereits in der dritten Auflage im Handel, es wurde für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2010 nominiert und ist mittlerweile auch in mehreren Sprachen erhältlich.
AZ besuchte Rolf Toyka in Wiesbaden und sprach mit ihm über die Idee und Entwicklung seines Buches sowie über die vielen Aktivitäten der Akademie der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen mit dem Ziel, Kinder für ihre gebaute Umwelt zu sensibilisieren.
AZ/Architekturzeitung: Herr Toyka, bei Ihnen ist das Betreten der Baustelle ausdrücklich erlaubt?
AZ: Dabei gehen Sie äußerst detailliert vor.
Rolf Toyka: Das Buch soll alle Phasen des Hausbaus zeigen: vom ersten Entwurf, über verschiedene Grundrissvarianten, den Abriss der alten Tankstelle, die auf dem Baugrundstück stand, Ausschachten, Rohbau und Innenausbau bis zur Anlage des Garten mit dem Landschaftsarchitekten und schließlich den Einzug. Die Kinder erfahren etwas über Raumanordnung, Konstruktion und Gestaltungsmöglichkeiten.
AZ: Das Gebäude bricht mit den Sehgewohnheiten der Kinder. Es gibt zum Beispiel kein typisches Satteldach. Warum?
Rolf Toyka: Ein junger Architekt aus Köln, Martin Eichholz, hat den Entwurf mit viel Freude gemacht. Ich bat ihn, kein Satteldach zu kreieren, obwohl es in die Baulücke zwischen die beiden Nachbargebäude aus der Gründerzeit gepasst hätte. Aus didaktischen Gründen wollte ich aber eine deutliche Unterscheidung zwischen Neu- und Altbau. Das Wohnhaus sollte nicht unbedingt »wörtlich« die Architektur der Umgebung aufgreifen. Ich habe dies im Buch auch thematisiert: Tim wird gefragt, warum das Haus so aus der Reihe springt. Tim erklärt die Vorteile des Flachdaches, dass so mehr Wohnraum entsteht und das Dach begrünt werden kann. Das Buch gibt Hilfestellungen und weitere Erläuterungen, warum das Gebäude anders aussieht und welche Qualitäten damit verbunden sind.
AZ: Tims Onkel Hannes sieht auf den ersten Blick gar nicht aus wie ein Architekt. Keine schwarze Architektenkluft oder ein Anzug?
In meinem Buch zeige ich den Kindern, dass ein Architekt nicht lediglich Fassaden entwirft, sondern Räume. Er ist nicht nur Gestalter, sondern ein »kreativer Manager«, der alle Fäden in der Hand hält. Auch beim Thema Kosten. Das zählt zu den zentralen Aussagen des Buches.
AZ: Welche Botschaften möchten Sie den Kindern noch vermitteln?
AZ: Wie kam es eigentlich zu der Idee, Architektur in einem Kindersachbuch aufzugreifen?
Rolf Toyka: Man kann nicht früh genug damit beginnen, das Interesse an der gebauten Umwelt zu wecken und Qualitätsmaßstäbe für Architektur zu vermitteln. Schließlich sind Kinder die Bauherren und Entscheidungsträger von morgen. Während im 18. und 19. Jahrhundert Baukunst selbstverständlich
zur bürgerlich-klassischen Bildung dazugehörte, findet man das Fach heute in der Schule höchstens noch im Kunstunterricht. Die Akademie der Architektenkammer Hessen hat deshalb vor zwölf Jahren angefangen, Schulbücher und Lehrmaterial zum Thema Architektur zu entwickeln. Allerdings waren diese Bücher immer an Schüler der Mittel- und Oberstufe gerichtet. An die Grundschulkinder hatte bislang niemand gedacht. Ein Kollege aus der Arbeitsgruppe Öffentlichkeitsarbeit regte an, ein Bilderbuch mit dem Arbeitstitel „Ich habe einen Freund, der ist Architekt“ zu verfassen. Ich fand die Idee prima, schrieb dazu ein Storyboard komplett mit Text und Skizzen und stellte es einem Verlag vor.
AZ: Wie reagierte der Verlag auf das Buchkonzept?
Rolf Toyka: Man war dort zwar angetan, der Verlag schob die Entscheidung aber immer wieder heraus. Das machte mich stutzig, da ich die Idee noch immer für sehr gut hielt. Ich habe mich dann an die Kinderbuchexpertin Heike Ossenkop gewandt und sie um ihre Meinung zu meinem Buch gebeten. Ihr war das Problem schnell klar: Es war viel zu sehr auf den Architekten bezogen! Der entwerfende Architekt am Schreibtisch im Büro ist für Kinder nicht spannend. Der Fokus sollte mehr auf der Baustelle liegen, denn damit haben Kinder auf ihrem Schulweg oder in der Freizeit jeden Tag zu tun. Sie kommen an vielen Baustellen vorbei, die hinter großen Zäunen verborgen bleiben. Der Zutritt ist für sie verboten, was sie nicht nachvollziehen können. Wir erarbeiteten also ein neues Konzept. Dazu gehört auch die Idee der ausklappbaren Seiten, die zusätzliche Informationen zu den Bauberufen und vor allem zur Architektentätigkeit bieten. Mit den Klappen entsteht eine zweite Erzählebene im Buch, die man je nach Alter des Kindes und je nach Lust und Laune dazu nehmen kann oder nicht. Dieser Aufbau macht das Buch so vielschichtig. Wir verhandelten dann mit vier Verlagen. Schließlich wurde es Gerstenberg, der schon sehr viele hervorragende Kinderbücher verlegt hat. Vor allem sind die Gerstenberg-Bücher in jeder Buchhandlung zu finden und nicht nur in den Design- oder Architekturbuchhandlungen. Mit Ferenc B. Regoes haben wir zudem einen sehr guten Illustrator bekommen, der nicht nur die Technik gut beherrscht, sondern vor allem Menschen hervorragend zeichnen kann, sehr detailliert und facettenreich.
AZ: Und wie gefällt den Kindern das Buch? Bekommen Sie Feedback?
Im Momente bereiten wir außerdem ein Medienpaket für den Unterricht in Grundschulen vor. Dieses wird dann auch innerhalb von Nachmittagsangeboten, die sich vom klassischen Unterricht unterscheiden, genutzt werden können. Dort haben übrigens auch Architekten die Möglichkeit, sich einzubringen. Das Medienpaket wird verschiedene Lernmaterialien, die direkt mit den Inhalten des Kindersachbuchs verknüpft sind, enthalten
AZ: Wie geht es weiter? Wird es eine Fortsetzung des Buches geben?
Rolf Toyka: Ja, ein zweiter Band ist in Arbeit. Dieser wird sich mit einem Sanierungsprojekt im ländlichen Raum beschäftigen. »Baustelle Bauernhof!« lautet der Arbeitstitel. Und dieses Mal wird sich übrigens eine Architektin um den Entwurf kümmern. So wird auch der Klischeevorstellung entgegengewirkt, Planen und Bauen sei reine „Männersache“. Voraussichtlich im Sommer 2011 wird die Fortsetzung (wieder im Gerstenberg Verlag) erscheinen.
AZ: Herr Toyka, vielen Dank für die spannenden Einblicke in das Buch und in Ihre Arbeit.
Das Interview führte Alexandra Goebel.
Das Kindersachbuch »Achtung, fertig, Baustelle! Wie ein Haus geplant und gebaut wird« von Rolf Toyka, Heike Ossenkop und Ferenc B. Regoes wurde herausgegeben von der Akademie der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen und der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen und ist im Gerstenberg-Verlag in der 3. Auflage erschienen.
ISBN 987-3-8369-5226-2, EUR 16,90
Weitere Informationen zum Buch: www.akh.de












