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Grenzen der Arbeit im Home Office

Bildquelle: Getty Images

Fachartikel

In einem sind sich Experten einig: Nicht jeder kann oder darf Home Office, aber aus der Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts ist das Konzept auch nach dem Ende der Pandemie nicht mehr wegzudenken. Doch was funktioniert aus gesundheitlicher Perspektive eigentlich besser: Büro oder Home Office?

„Zu Beginn der Corona Pandemie wurden die Leute, soweit möglich, nach Hause in Home Office geschickt. Wir konnten bei nahezu all unseren Mietern beobachten, dass sich die Büros von heute auf morgen geleert haben und versucht wurde, die Arbeit im Home Office aufzufangen.“ So sieht ein hochrangiger Vertreter einer namhaften Verwaltung von Büroimmobilien die Entwicklung der vergangenen drei Jahre.

Der Exodus in die eigenen vier Wände scheint nicht nur gestoppt, er wird sogar wieder rückgebaut: „Als sich die Lage etwas entspannt hat, sind die Mitarbeiter wieder zurück ins Büro gekommen. Allerdings hat sich auch ein bisschen die Spreu vom Weizen getrennt. Abteilungen, die viel von der Kommunikation innerhalb der Unternehmensbereiche leben, sind früher zurückgekommen. Selbstständig oder unabhängig von anderen Unternehmensbereichen agierende Abteilungen sind länger im Home Office geblieben bzw. auch heute immer noch dort.“ Was COVID-19 damit zu tun hatte? „Die Pandemie war aus unserer Sicht der Katalysator für eine Entwicklung, die vermutlich früher oder später gekommen wäre; jetzt aber sehr schnell gekommen ist, um vermutlich auch zu bleiben.“

Telearbeit und mobiles Arbeiten

Die eigenen vier Wände sind die größte Produktionsstätte Deutschlands. Knapp 25% der Deutschen arbeiteten schon 2021 in Vollzeit von zu Hause und mittlerweile sind es 45%, die zumindest in Teilzeit daheim tätig sind. Große Unterschiede gibt es mitunter in der Ausgestaltung der Bildschirmarbeitsplätze, und das beginnt bereits in kleinen Begrifflichkeiten.

Telearbeitsplätze, also feste Arbeitsplätze außerhalb des Büros, müssen gewisse Anforderungen der Arbeitsstättenverordnung erfüllen. Dazu gehört, dass der Arbeitgeber diese ergonomisch einzurichten hat. Es gibt aber einen Workaround um die ArbStättV, den fast alle Unternehmen nutzen. So sagt Dr. Manuela Huetten, leitende Betriebsärztin der Berliner Verkehrsgesellschaft: „Bei uns gibt es Mobiles Arbeiten. Das heißt, ich kann auch von irgendeinem der 24 Standorte der BVG arbeiten. Wenn es „Home Office“-Arbeit wäre, dann wäre der Arbeitgeber verpflichtet, den Arbeitsplatz ergonomisch auszustatten, damit er praktisch gleichwertig wie der im Büro ist. Das ist ein Riesenunterschied.“

Arbeitsplatzergonomie – ein weiter Begriff, gerade im Home Office

Eines ist sicher: Die ergonomischen Voraussetzungen sind in neueren Büroimmobilien fast immer eingehalten. „Die Unternehmen achten penibel darauf, dass bei der Anmietung von Büroflächen die Arbeitsstättenrichtlinie erfüllt werden.“, argumentiert unser Immobilienverwalter. In der Realität klaffen dieser Anspruch und die Gegebenheiten im Home Office häufig weit auseinander: „Große Unternehmen legen einerseits viel Wert auf die Büroarbeitsplatzausstattung, ermöglichen ihren Mitarbeitern aber andererseits fünf Tage die Woche von zu Hause aus zu arbeiten. Dort sitzen sie schlimmstenfalls gebückt und verrenkt an ihrem Frühstückstisch. Schlechte Belichtungsverhältnisse sind den Arbeitgebern in dieser Situation genauso egal, wie ggf. viel zu kleine Displays oder unergonomische Sitzpositionen.“ Das Home Office als ein Büro zweiter Klasse?

In einigen Fällen ist das bestimmt nicht ganz falsch. So meint Dr. Wolfgang Panter, Präsident des Verbandes deutscher Betriebs- und Werksärzte: „Das erste Thema ist eine vernünftige EDV-Ausstattung. Zu den ergonomischen Bedingungen zählen aber auch die Fragen der Wohnsituation, und das ist für viele Menschen extrem schwierig. Ich kann mich an Situationen erinnern, wo neben dem Bett ein kleiner Hocker stand und darauf hat jemand sein Home Office gemacht. Das Beste wäre, wenn die Arbeitgeber ihren Mitarbeitern da auch unter die Arme greifen und sagen: Wir helfen dir dabei, damit deine Situation optimal gestaltet wird.“ Dr. Panter weiß aber auch: „An der Wohnsituation wird auch der Arbeitgeber nichts ändern können. Die bleibt so, wie sie ist.“

Home Office und soziale Situation

Beinahe gleichrangig sei die zwischenmenschliche Komponente zu behandeln. „Soziale Faktoren spielen eine große Rolle und können bei der gleichen Beschäftigung sehr unterschiedlich ausfallen. Für viele wird der soziale Kontakt, den sie zu Hause nicht haben, im Beruf besonders wichtig sein.“, kommentiert Dr. Panter.

Dabei gibt es in den verschiedenen Branchen teils deutliche Unterschiede in den Präferenzen. Die Financial Times hat dieses Jahr erst berichtet, dass viele Google-Mitarbeiter gar nicht mehr in die Büros kommen möchten. Auch hierzulande beschreibt die kaufmännische Leitung einer IT-Beratung teils ähnliche Tendenzen: „Einer unserer Mitarbeiter hat gekündigt, als er gehört hat, dass er wieder ins Büro soll“, sagt sie, fügt aber umgehend an: „Der Großteil der Leute kehrt gerne zurück, das ist unser sozialer Kitt.“ Ähnlich sieht auch Dr. Huetten die Stimmung bei BVG: „Wir genießen es total, dass wir uns regelmäßig sehen und austauschen. Ich erledige 20% aller Rücksprachen unterwegs im Haus, beim Mittagessen oder im persönlichen Gespräch.“

Work life balance : The weapon of choice

Wer profitiert denn nun vom Home Office, und wer nicht? „Das ist nicht so einfach zu beantworten. Ich glaube, das hängt sehr von persönlichen Befindlichkeiten und Voraussetzungen ab“, sagt Dr. Huetten. „Berlin ist riesengroß. Wenn die Arbeitnehmenden eine Stunde zum Job und zurück nach Hause fahren, dann sind das zwei Stunden Lebenszeit.“ Die könne man anderweitig besser nutzen: „Wenn ich im Mobilen Arbeiten bin, dann weiß ich, dass meine Morgengymnastik eine halbe Stunde länger ausfällt. Aber das ist eben eine Typsache. Wenn sich jemand sonst nicht um sich kümmert, dann wird er sich auch im Home Office nicht um sich kümmern.“
Also alles viel entspannter im Home Office? Nicht unbedingt. Gerade in Topbranchen wird viel getan, um Spitzenverdiener in die Büros zurückzuholen. In London locken Anwaltskanzleien ihre Spitzenverdiener mit Yogakursen und Bienenzucht zurück an die originäre Wirkungsstätte. In der Immobilienbranche weiß man außerdem: „Ein ausgetretener und muffiger Nadelfilz ist etwas anderes, als wenn es einen hochwertigen Fußboden gibt, einen Barista im Eingangsbereich und frisches Obst und Getränke am Arbeitsplatz. Letztgenanntes lockt dann doch mehr Mitarbeiter wieder zurück ins Büro.“

Wer also kann, der pickt sich das Beste aus zwei Welten heraus. Ein befreundeter IT-Berater hat mir neulich folgendes erzählt: „Ich arbeite 100% von zu Hause, es gibt kein Büro. Aber was will ich in Zukunft? Definitiv nicht Vollzeit im Office, aber alle zwei bis vier Wochen ein paar Präsenztage, das wär` schon nicht verkehrt.“

Prävention und Krankheit im Home Office

Nun ist es ja so, dass die Arbeit zu Hause durchaus die körperliche Aktivität einschränkt, sofern man nicht aktiv gegensteuert. Während des ersten großen Lockdowns in der Pandemie beispielsweise nahm europaweit die tägliche Schrittzahl um ca. 50% ab, erholte sich jedoch auch rasch wieder. Was das für einzelne Mitarbeitende bedeuten kann, beklagt Dr. Huetten: „Ich glaube, dass Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Fettleber und Krebs tatsächlich das Hauptproblem sind: Unter Kostenaspekten, dem persönlichen Leid. Aber die Prävention ist so schwierig. Ich begleite unsere BVG-er seit 2009, da gibt es einige Mitarbeitende, die über die Pandemie übergewichtig geworden sind, und bei jedem Gespräch zeigen sich neue Symptome.“ Und weiter: „Prävention wird ein Riesenthema, und da sehe ich auch uns Betriebsärzte in der ersten Reihe, weil wir an den Beschäftigten nah dran sind und wir auch ein unverkrampftes Verhältnis miteinander haben. Die Bildschirmarbeitsplatzvorsorge ist dabei ein Instrument.“

Hierunter fallen auch Themen der Ergonomie, Rückenbeschwerden, Augenerkrankungen, Schlafstörungen und nicht zuletzt psychische Erkrankungen. Werksärzte-Präsident Dr. Panter ergänzt: „Es wird viel stärker in die Richtung der ganzheitlichen Vorsorge gehen, weil hier nicht nur die Gefährdung aus der Einzelsituation heraus abgebildet wird, sondern die Gesamtsituation. Dabei geht es nicht nur um die Verminderung von Risiken aus der konkreten Arbeitssituation, sondern um den Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit. Ich glaube, das ist die Zukunft für die Arbeitsmedizin.“ Die Crux an der Sache bleibt bloß, wie man diejenigen auffangen soll, die durchs Raster fallen.

Und was bringt die Zukunft?

Klar sei, dass das Home Office ein individuelles Konzept ist, welches im Dialog erarbeitet werden müsste. „So etwas kann man nicht top-down machen. Wir müssen stärker dahin kommen, dass es individualisierte Lösungen gibt. Allerdings müssen diese Lösungen auch gut kommuniziert werden, damit kein Leid und Stress unter den Beschäftigten entsteht“, gibt er zu bedenken. „Die Kunst ist, das System so auszutarieren, dass es nicht zu Spannungen in der Belegschaft kommt.“ Und hier spiele eben die Betriebsmedizin eine Schlüsselrolle für die Arbeitskräfte zu Hause und vor Ort.

Auch die leitende BVG-Ärztin Dr. Huetten sieht die Sache ähnlich, weist aber darauf hin: „Groll oder Negativität habe ich bei unseren Kolleginnen und Kollegen nicht beobachtet. Weil es einfach Job-immanent ist, dass die ihren Bus oder Bahn nicht von zu Hause fahren können.“ Und schmunzelt: „Vielleicht wird das irgendwann einmal so sein, aber das dauert vermutlich noch Jahre.“

Und die Nachfragesituation bei Büroimmobilien? „1A Lagen schon, alles andere eher schwierig“, kommentiert Frederic Waimer, Büroleiter beim Ingenieursbüro Werner Sobek AG. Egal wie man es dreht – das Home Office bleibt ein Thema für Arbeitgeber und Betriebsärzte.


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Autor: Dr. med. Philip Ferstl, MHBA, ist Internist, Gastroenterologe, Notarzt und Betriebsarzt. Seine Ausbildung führte ihn durch renommierte Institutionen weltweit, darunter die USA, Marburg, Australien und die Schweiz. Nach acht Jahren Tätigkeit am Universitätsklinikum Frankfurt am Main, wo er sich auf Innere Medizin, Gastroenterologie und Leberheilkunde spezialisierte, erwarb er seine Betriebsarztausbildung in der chemischen Industrie bei Infraserv GmbH & Co. im Industriepark Höchst. Derzeit ist er leitender Betriebsarzt bei Gany.MED GmbH, wo er sich auf die gesundheitlichen Auswirkungen der Industrie 4.0 und der digitalen Transformation konzentriert. Seine Expertise hilft dabei, die Schnittstelle zwischen Gesundheit, Arbeitswelt und Technologie zu verstehen und praxisnahe Ansätze zur Förderung der Mitarbeitergesundheit in einer sich wandelnden Industrielandschaft zu entwickeln.


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